Full text : Wirtschaft als Leben

i;6

,Die  Herrschaft  des  Wortes 1

seiner  Artmerkmale  ausgelöst,  herausgehoben,  und  wird  nunmehr,  nach
unbestimmten  Vielheiten,  in  den  Denkrahmen  von  Zustand  und  Entwicklung ­
  gefaßt;  gleichsam  in  sortierten,  aber  nicht  durchgezählten
Paketen,  deren  Inhalt  wir  nur  in  einem  Muster  vor  Augen  haben.
Was  so  harmlos,  wie  es  dem  urwüchsigen  Denken  eigen  ist,  als
Alltag  gemeint  wird,  ist  zugleich  die  rohe  Gesamtheit  jenes
Handelns,  das  sich  in  Wiederkehr  erfassen  läßt;  das  Geschehen, ­
  das  stets  ein  wenig  an  des  „Dienstes  ewig  gleichgestellte
Uhr“  gemahnt.  Hier  ist  im  voraus  absehbar,  weshalb  das  Alltägliche
gerade  jener  Wissenschaft  zunächst  steht,  die  in  den  Formen  von
Zustand  und  Entwicklung  denkt.  Ebenso  klar  ist  auch  das
innige  Verhältnis  zwischen  Natur  und  Wiederkehr  im  Handeln.
Die  Natur  liefert  dem  Handeln  zahllose  seiner  Determinanten.  Das
Naturgeschehen  aber,  das  sich  so  geflissentlich  dem  Begriffe  preisgibt,
das  hält  zugleich  auch  guten  Takt  ein:  Steter  Wechsel  zwischen  Tag
und  Nacht,  Sommer  und  Winter,  Blühen  und  Reifen;  und  in  uns
selber  stets  von  neuem  der  Hunger,  der  Durst,  der  Schlaf.  So  kommt
von  diesem  Geschehen,  her  Rhythmus  und  Wiederkehr  auch  in  das
Handeln.  Im  Bilde  gesehen,  ist  der  Alltag  ja  die  Tretmühle  des
Handelns,  in  der  harten  Frohne  der  Natur;  der  Kampf  um  „unser
tägliches  Brot“  1
Nicht  alles  Naturgeschehen  leistet  der  Wiederkehr  Vorschub.  Es
liefert  nicht  bloß  chronische  Determinanten,  gleich  der  „Körperwelt“;
es  spielt  sich  zuweilen  als  sehr  akute  Determinante  des  Handelns
auf.  Denken  wir  an  eine  Überschwemmung,  oder  gleich  an  die  Zuider
See.  Im  „Haushalt  der  Natur“  sind  es  Alltäglichkeiten.  In  die  Welt
des  Handelns  aber  schlagen  sie  ein,  wie  ein  derbes  Felsstück  in  den
Fluß,  das  nicht  bloß  vorübergehend  weite  Kreise  zieht,  das  auch
dauernd  den  Lauf  an  einer  Stelle  beirrt.  Da  tritt  auch  jedesmal  Naturgeschehen ­
  ins  helle  Licht  der  lebendigen  Zeit.  Erst  als  einer  Determinante ­
  wird  diesem  Geschehen  der  Paß  ordentlich  visiert,  mit  den
richtigen  Weisem  der  Zeit  und  des  Ortes.  Das  Naturgeschehen  wird
zum  Naturereignis.  In  diesem  mittelbaren  Sinne  hat  es  an  der  Welt
des  Handelns  teil  —  ein  Stück  Ufer  des  lebendigen  Stromes.
Übrigens  hängt  es  ausdrücklich  am  Gesichtspunkte,  ob  diese
Naturereignisse,  diese  Findelkinder  der  unzerfällenden  Erkenntnis,  als
chronische  oder  als  akute  Determinanten  aufzufassen  seien.  Geburt,
Krankheit,  Tod,  das  ist  z.  B.  für  die  Historie  überhaupt  nicht  vorhanden, ­
  sofern  es  nicht  gleich  als  „Ereignis“  vorhanden  ist.  Als  Determinante ­
  des  „geschichtlichen“  Handelns  zwängt  sich  das  Geschehnis
zu  gewaltsam  unter  seinesgleichen  ein,  es  verschiebt  zu  lebhaft  alle
            
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