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,Die Herrschaft des Wortes“,
neuem eine Minderung der Erquicklichkeit. Das Geschehen weist also
von Vollzug zu Vollzug die sinngleichen Abstände auf, die sich den
Reihen der Vollzüge entlang aufsummen.
Dieses Aufsummen gilt aber bloß vor unserem Denken. Im
Erleben sind nur die Vollzüge des Geschehens da, in ihrer einfachen
Mannigfaltigkeit; z. B. also die verschiedenen Berührungen, mit unseren
Eindrücken von ihnen. Nimmt es daher unser Denken peinlich, dann
wäre diesem Erleben nur mit einer Reihe vergleichender Urteile Genüge
getan, die Reihe der Vollzüge begleitend. Unser Denken macht aber
kürzeren Prozeß. Jene Störungen der Wiederkehr, die selber wieder
kehren, erfaßt unser Denken als ein stetiges Geschehen; in
unserem Beispiel bildlich das „Erkalten“. Als ein stetiges waltet dieses
Geschehen erst noch über dem erlebten Geschehen, es ist also
gleichsam ein Geschehen am Geschehen. Im Beispiele liegt das
erlebte Geschehen mit den Berührungen vor, die wir aber zuständlich
als „Freundschaft“ erfassen; hier wird übrigens die stete Wechsel
beziehung, die zwischen Handeln und Empfinden, zwischen tätigem
und duldendem Erlebnis hin- und hergeht, besonders deutlich; dem
gedachten Zustand ist Empfinden bei gesellt, im Sinne chronischer
Determinanten, zwischen denen eingebettet das als „Freundschaft“
zuständlich erfaßte Geschehen dahinfließt — ein „Verhältnis zwischen
Handelnden“, ein „Bestand“. Jenes sozusagen höhere Geschehen
nun, das nicht erlebt wird, sondern rein nur eine Sache unseres rück
schauenden Denkens vorstellt, entspricht der Entwicklung. Wie
man mit dem „Erkalten der Freundschaft“ eine Entwicklung aussagt,
wird deutlicher, wenn wir zum Vergleich vom „Bruch einer Freund
schaft“ reden; womit offenbar keine Entwicklung, sondern Erlebtes
ausgesagt wird. Nicht die langsame, allmähliche Art ist hier ent
scheidend, sie wohnt der Entwicklung bloß im tatsächlichen Erfolg
inne; entscheidend ist der Gegensatz des rein denkend erfaßten
Geschehens gegenüber dem erlebten. In diesem Sinne sind j a
Zustand und Entwicklung Stiefbrüder des Begriffes.
Beim Zustand geht der Griff, den unser raffendes Denken in die
Fülle des Handelns tut, quer über den Zeitenlauf; bei der Ent
wicklung überdies dem Zeitenlaufe entlang. Wir müssen,
wie es auch in unserem Beispiele ersichtlich war, in der Form des
Zustandes denken, ehe uns eine Entwicklung erfaßbar wird. Alle Ent
wicklung läßt sich als ein Wandel im Zustande verbildlichen,
als das Ineinanderlaufen von Zuständen. „Freundschaft“ ist der Zustand,
„Erkalten“ ihr Wandel: auflösbar als lauter, stetig ineinander auf'
gehende Zustände — die absteigenden „Grade“ der „Freundschaft •