Ausblicke, XII.
305
nichts enthält, was nicht jedermann wüßte, und daher auch nichts,
was man erst in einer Aussage festnageln muß, um es jedermann ver
fügbar zu erhalten; in diesem Sinne schließen sich Gemeine Erfahrung
und Tatsachen aus. Es handelt sich gleichsam um eine „Theorie
trotz der Tatsachen“; eine Theorie, unabhängig von aller Forschung,
und vom Boden der Erfahrung aus gar nicht beurteilbar. Sie kann
immer nur folgerichtig, schlechthin logisch oder unlogisch sein. Wenn
sie dessen ungeachtet stets an das Erlebte erinnern wird, so bringt
zwar gerade dies den Schein zuwege, daß bei solcher Reduktion der
lebendige Wissensschatz geschont würde. Aber es hangt dies an
keinerlei Bezug mit der Wissenschaft selber, sondern hängt einfach an
jenem Wechselbezug der Artbegriffe. Sofern man sie aus der Ge
meinen Erfahrung nur etwas sorgsamer übernimmt, und sie in ihren
offenkundigen Beziehungen nur einigermaßen richtig durchdenkt, muß
ja ganz von selber ein Nachbild des Flechtwerkes herauskommen. In
dieser Weise erscheint solche Reduktion ebenso bequem und ebenso
naturtreu, wie sie minderer Gattung ist. Denn sie liegt keineswegs
über den lebendigen Wissensschatz hinaus, ist ein lehrhafter Auszug
nicht im Sinne einer Abstraktion des letzteren, sondern im Aftersinne
einer freien Nachdichtung. Allerdings vom sicheren Boden der
Gemeinen Erfahrung aus.
Mit ihren Systemen stehen also diese Lehrbücher, von der Alt
der älteren nationalökonomischen, ganz außerhalb der schildernden
Wissenschaft. Sie können daher auch ohne alle schildernde Wissen
schaft bestehen; das ist der Erfolg jener minderen Reduktion. Die
schildernde Wissenschaft ist dann ähnlich da, und doch nicht da, wie
es zwischen Larve und Schmetterling gilt. Der schildernden Wissen
schaft ist also ein Larvenzustand möglich, bei dem sie von
ihrer eigenen Reduktion vorweggenommen erscheint.
In solcher Weise kann sie eine Zeitlang nur mit ihren eigenen Lehr
büchern vorhanden sein, als eine richtige Lehr buchs Wissenschaft.
Es genügt, daß ihr dieser Larvenzustand möglich ist; dann ist
sicher, daß sie ihn durchmachen wird. Ich meine, ganz abgesehen von
dem Zwange dazu, daß sie den krummen Weg dieser minderen Re
duktion einschlagen muß, um sich selber zu finden. Auch alle
an deren Verhältnisse klingen da in Harmonie zusammen. Nicht ein
fach, daß der Unterricht auch mit dem Lehrbuch zufrieden ist, das
statt der Wissenschaft vorliegt! Nicht bloß, daß es an den einzelnen
sehr versucherisch herantritt, mit dem Talwege des Lehrbuches die
steilen Pfade der Forschung’ abzuschneiden; und wie hübsch, wenn
man gleich die „Grundsätze“, die „Prinzipien“ einer Wissenschaft aus
v ' Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft als Leben. 20