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,Die Herrschaft des Wortes“,
der Erde zu stampfen vermag. Versuchungen, denen helle Köpfe,
selbständige Denker am meisten ausgesetzt sind; gerade sie ficht die
Lockung an, nach System und „Exaktheit“ dort zu streben, wo diese
ihren Beruf verfehlen. Aber vergessen wir nicht, daß die schildernde
„Aktionswissenschaft“ im tatsächlichen Erfolge die Wissenschaft vom
Alltäglichen ist. Mit ihr wacht der Alltag zu wissenschaftlichem
Bewußtsein auf. Für seine Einzelfragen ist ihm ernste Antwort von
jeher nicht versagt gewesen. An Monographien, gesunden Ansätzen
zur schildernden Wissenschaft, hat es nie gefehlt. Aber da hinüber
konnte die ruhige Entwicklung nicht gehen. Denn mit dem ersten
„System“ gewahrt sich der Alltag plötzlich in seiner Totalität zur
Frage gestellt und beantwortet. Dann ist es solche Art Belehrung,
um die er die Wissenschaft stürmisch angeht. Und so raubt er ihr
die Möglichkeit, in Stille auszureifen. So macht er seine eigene Wissen
schaft altklug; läßt sie alles wissen, bevor sie recht Zeit fand, auch
nur wenig zu erfahren. Das Interesse von ihm, der nur für den Augen
blick da ist, geht beileibe nicht auf jenes tiefgründige Ganze, dem er
nur die Oberfläche der „Gegenwart“ ist An seine eigenen Vergangen
heiten denkt er ja so wenig, um nicht einmal ein Wort dafür zu
schöpfen. Gerade nur die Sehnsucht aller nach der Jugend läßt die
Völker von einer „Goldenen Zeit“ reden, den einzelnen um die „gute
alte Zeit“ klagen; dort nur ein Traumbild, hier nur ein in Wehmut
verschwommener Ausschnitt aus dem Großen des Menschheitslebens,
das dem Alltag einfach entgeht. Er denkt nur an sich, und
eben darum sich selber als ewig. Sein verwehend Eintags
dasein ist ihm das ganze Menschheitsleben. Darnach will er auch
seine Wissenschaft. Eine Wissenschaft, die gar nicht daran denkt, daß
es anders sein könnte, als es just im Augenblicke istl Man sieht, als
Wissenschaft vom Alltäglichen wird es der schildernden Wissenschaft
sehr leicht gemacht, sich selber so zu mißverstehen, wie es unter den
übrigen Verhältnissen kommen muß. Denn so, wie die Reduktion
beschaffen ist, die ein Lehrbuch ohne Wissenschaft erlaubt, so wird
über diese Lehrbücher hinüber die M e i n u n g beschaffen sein, die von
dieser „eskomptierten“ Wissenschaft aufkeimen muß. Wer also das
Lehrbuch schreibt, glaubt die Wissenschaft kernig zu fördern. Denn
unter solchen Umständen bleibt es der letzteren nicht erspart, sich
selber als eine „systematische“ anzusehen. Nach außen hin wird
sie diesen Leumund erst recht nicht los. Im besten Falle, wenn die
Forschung gar zu deutlich ihre „Abwege“ geht, wird die Wissenschaft
als ein nützlich Anhängsel ihrer eigenen Reduktion aner
kannt. Man denke an das Verhältnis, wie es nach der Gemeinen