Ausblicke, XVI.
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ist ja der Segen alles Forschens, daß dabei stets was herauskommt,
wie einseitig und verbohrt immer man das Gegebene aufsuchen, dem
Erlebten nachleben will; im Gegensatz zu dem Drechseln bloßer
„Systeme“, dem Froschmäusekrieg der wortverhetzten „Theorien .
Eine theoretische Umformung, die an das Menschheitsleben
gemahnt, steht hinter dem Worte „Gesellschaft“ eher noch dort, wo
es ausgesprochen als Schlüsselwort den übrigen: „Recht“, „Kunst ,
„Sitte“ usf., gegenüber gehalten wird. Ähnliches gilt auch für das
Wort „Volkswirtschaft“. Aber es gilt da und dort nur in höchst
bedingtem Sinne; mit der einzigen Ausnahme, sobald der national
ökonomische Forscher das Wort „Volkswirtschaft“ in den Mund
nimmt; und dies aus noch zu erklärenden Gründen. Sonst steht
hinter diesen Worten selbst in den Augenblicken ihrer Schlüsselgewalt
nur der Schatten, die Ahnung theoretischer Umformungen, die unserem
Denken ja nicht in den Schoß fallen. Die Verwendung ist gut
gemeint, aber der Sinn ist zu schwach. Wird nun gar schlechthin vom
„Volkswirtschaftlichen“ gesprochen, oder wird etwas „volkswirtschaft
licher Bedeutung“ gewürdigt, oder vom „volkswirtschaftlichen Stand
punkte“ geurteilt, dann liegt die Sache erst recht anders. Nur vor
der Grammatik bezieht sich derlei Wendung auf das Wort „Volks
wirtschaft“, in seinem ernsten theoretischen Sinne. Tatsächlich liegt
dieser Bezug gar nicht vor. Solche Wendungen münzen es geradeaus
auf einen Sachverhalt, der leicht aufzudecken ist. Es liegt auch dem
harmlosen Denken nahe, auf die gewisse „Kette“ zu stoßen, mit der
sich z. B. selbst der Kaffeepreis von Tripstril an die Ernte in Ceylon
geschmiedet sieht. Ebenso liegen auch die gewissen „Zweckreihen“
furchtbar nahe, die z. B. Bergwerk, Hüttenwerk, Walzwerk, Maschinen
fabrik usw., im Gänsemarsch bedingenden Zusammenhanges erfaßbar
machen. Schließlich muß es aber zur Einsicht kommen, daß es neben
„Kette“ und „Reihen“, neben „Konjunktur“, „Produktions-Stamm
baum“, „Arbeitsteilung“, „Arbeitsvereinigung“, und solcher Ver
knüpfungen mehr, immer noch etwas anderes gibt. Natürlich ist das
einfach der Allzusammenhang des Erlebten — im nüchtern erfahiungs-
wissenschaftlichen, nicht im mystischen Sinnei — der sich da selbst
harmlosen Gemütern aufdrängt; und dies wollen jene Wendungen
stammeln. Vom „volkswirtschaftlichen Standpunkte“, das heißt
einfach, mit dem Blick auf den Allzusammenhang; doch
nur so weit, als er praktisch wird. Denn auch da handelt es sich mehr
um alltägliche, ungeklärte Anschauungen, die bloß die rechte Witterung
von etwas haben, dessen theoretische Umformung ihnen gar nicht ab
sehbar ist. Gerade in dieser ahnungsvollen Unbegriffenheit, wie immer