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344 „Die Grenzen der Geschichte“,
theoretischen Möglichkeit einer Geschichtsschreibung.
Jeder einzelnen dieser drei Deutungen entspricht ein selbständiges
Problem, und alle drei Probleme sind in der Literatur zu ihrem
Recht gekommen. Mein Thema aber hat mit keinem dieser drei
Probleme etwas zu tun, die ich eben nur angeführt habe, um sie
scharf getrennt zu halten von jenem vierten Probleme, dem ich
mich ausschließlich zuwende.
Wie sich zeigen soll, hat es mit diesem vierten Probleme seine
ganz eigene Bewandtnis. Nur so ist es möglich, daß gerade dieses
Problem, das bedeutsamer noch als die übrigen ist, der theoretischen
Erwägung bisher so gut wie entgehen konnte. Und dabei liegt es
zum Greifen nahe. Man braucht die Wendung von den Grenzen der
Geschichte bloß in ihrem wörtlichsten und strengsten Sinn zu nehmen.
So also, daß man „Geschichte“ nicht in der übertragenen Bedeutung
als Wissenschaft von der Geschichte, als Historie versteht, sondern
als das historische Geschehen selber; und daß man bei den
„Grenzen“ nur an dieses Geschehen denkt und nicht jenen Bezug aul
die Geschichtsschreibung einschmuggelt, von dem sich der ausübende
Historiker so schwer lossagen kann. Die Grenzen der Ge
schichte besagen dann also so viel wie die realen Ausläufe
des historischen Geschehens; gemeint im Sinne des Blickes
aus der Gegenwart in die Vergangenheit zurück. Es handelt sich also
um Erwägungen von der Art: Wo hört das historische Geschehen
endlich auf, wenn es der Vorstellung nach in die Vergangenheit ver
folgt wird, wie verliert es sich dort in etwas anderes, und was ist
dieses andere? Das ist im rohen schon unser ganzes Problem. Ich
will es nun schärfer entwickeln, noch als Problem selber, und eigentlich
gehe ich überhaupt nicht weiter. Von der Lösung spreche ich in der
Folge nur soviel, als es dem Verständnisse des Problemes frommt.
Mit einem Wort: ich exponiere nur.
Es ist ein zulässiger Kunstgriff, wenn man im Angesichte einer
Wissenschaft alles, was ihren praktischen Betrieb angeht, als
etwas Abgeleitetes, schon als etwas Bedungenes ansieht. Dazu
gehört auch die Geschichtsschreibung, im weitesten Umfang dieser
Tätigkeit. Als das Primäre, Bedingende dazu erscheint dann bei
einer Erfahrungswissenschaft der Stoff ihrer Erfahrung: ich
wähle diesen und vermeide den üblicheren Ausdruck des „Gegen
standes“ einer Wissenschaft, weil die letztere Bezeichnung doppel
züngig ist und ebensowohl den Erfahrungsstoff bedeuten kann, als auch
die Aufgaben, die ihm gegenüber zu lösen sind.