Full text : Wirtschaft als Leben

35°

p Die  Grenzen  der  Geschichte“,

stetige  Folge,  ein  Kontinuum,  und  zwar  im  Sinne  einer  Abzweigung
des  ersteren  aus  dem  letzteren,  über  das  Mittelglied  einer  Urzeit  hinüber.
Diesem  Kontinuum  des  Geschehens  stünde  dann  ein  Kontinuum ­
  der  Erkenntnis  gegenüber.  Alle  Wissenschaft,  die  dem
Geschehen  in  die  Zeit  nachgeht,  den  Blick  auf  die  Vergangenheit  gerichtet, ­
  wäre  im  Grunde  nur  die  eine  und  selbe.  Zwar  hat  es  der
hier  mit  Steinen,  der  andere  mit  Lebewesen,  ein  dritter  mit  Menschenschicksalen ­
  zu  tun.  Im  Grundsätze  aber  würden  sich  die  einzelnen
Disziplinen  gleichsam  nur  nach  der  verschiedenen  Position
zum  Gesamt  geschehen  voneinander  sondern.  Der  Historiker  durchforscht ­
  an  der  Hand  seiner  Quellen  die  nähere  Vergangenheit.  Der
Prähistoriker  spürt  dem  Menschentume  bis  in  jenes  Dunkel  der  Zeiten
nach,  aus  dem  keinerlei  Überlieferung,  nur  mehr  kärgliche  Reste  auf
uns  gekommen  sind.  Und  sie  beide  überholt  der  Blick  des  Geologen,
der  über  die  Jahrmillionen  hin  der  Erdgeschichte  schweift.  So  löst  der
eine  den  anderen  in  der  Erfüllung  der  wesensgleichen  Aufgabe  ab,
der  Vorstellung  gemäß,  daß  dort,  wo  die  Geschichte  verstummt,  erst
noch  die  Steine  zu  reden  beginnen.  Historie,  Prähistorie,  historische
Geologie,  und  dazu  die  Entwicklungsgeschichte  der  Tiere  und  Pflanzen,
sie  alle  wären  danach  Schwestern  im  Geiste,  „historische“  Wissenschaft
im  weitesten  Sinne  des  Wortes.  Das  will  sagen,  es  müßte  dieser
ganze  Disziplinenkomplex  von  innerer  Einheit  und  Geschlossenheit ­
  sein,  in  Grund  und  Wesen  homogen.  Und  dies
als  eine  zwingende  Folgerung  aus  jenen  Anschauungen,  weil  man  eben
dem  Kontinuum  des  Geschehens  folgerichtig  das  Kontinuum  der  Erkenntnis ­
  beidenken  muß.
Hier  bietet  sich  nun  die  Möglichkeit,  die  Prämissen  auf  ihre  Gültigkeit ­
  zu  prüfen,  indem  man  an  ihrer  zwingenden  Folgerung  Kritik  übt.
Ich  will  an  dem  Verhältnisse  der  Historie  zur  historischen ­
  Geologie  zeigen,  daß  eben  doch  ein  tiefer  und
scharfer  Riß  durch  jene  Gruppe  der  „historischen“  Disziplinen ­
  geht,  von  durchaus  grundsätzlicher  Bedeutung.
In  diesem  Sinne  suche  ich  jener  Lösung  unseres  Problemes,  die  so
selbstverständlich,  so  unangreifbar  scheint,  durch  Erkenntniskritik
beizukommen.  Um  aber  nicht  gar  zu  abstrakt  zu  bleiben,  führe  ich
diese  Kernthese  meiner  Ausführungen  an  einer  Art  Schulbeispiel  durch.
            
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