Abschnitt II.
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hier ist also das Geschehen dem Sein botmäßig. In diesem Geiste ist
nicht die Geologie, ist nur die Historie echt und recht eine
Wissenschaft vom Geschehen.
Nur für die Historie hat das Geschehen die Würde, Erfahrungs-
Stoff der Wissenschaft zu sein. Für die Geologie bedeuten dagegen
die räumlichen Dinge, das zu Ordnende eben, den Stoff der Er
fahrung. Das Geschehen jedoch, in seiner Totalität genommen und
dies grundsätzlich gemeint, ist hier bloßer Konstruktionsbehelf.
Weil aber nur das Geschehen Träger der Vergangenheit ist, so darf
man hier schon das Paradoxon wagen, daß nur die Historie die Ver
gangenheit erschließt, während die Geologie über eine Vergangenheit
disponiert. Ich sage mit Absicht, über „eine“ Vergangenheit denn
sind wir auch wirklich darin gut beraten, daß uns die Erhabenheit der
schicksalserfüllten Jahrtausende vergällt wird durch den brutalen Ein
druck der geologischen Jahrmillionen 1 Wenn etwa das eine wohl
klingende Münze wäre, das andere hingegen nur plumpe
Rechenpfennigei
Was von der geologischen Erkenntnis und ihrem Verhältnis zum
Geschehen gilt, das gilt auch für die Entwicklungsgeschichte
der Tiere und Pflanzen, die ja über das Bindeglied der Paläonto
logie aufs innigste mit der Geologie verwachsen ist. Auch die bio
genetische Erkenntnis hat nur den Sinn, das Seiende als Gewordenes
erklärlicher zu machen, indem man das vorliegende Nebeneinander
durch verständige Einschübe von Geschehen in ein Nacheinander
wandelt. Nur besagt hier die einheitliche Vornahme der zeithaften
Ordnung, d. h. also die Schichtung der Lebewesen, sie besagt
natürlich keine Lagerung, sondern die Abstammung; und das
interpolierte Geschehen liegt hier mit der gattungsmäßigen Entwick
lung vor.
Es zieht sich eben der Riß, der zwischen Historie und histo
rischer Geologie klafft, durch die ganze Gruppe der Disziplinen,
die man allzusehr Eines Geistes mit der Historie glaubt. Daher sondert
sich von der Historie und ihren echten Geistesverwandten, wozu ich
in erster Linie die Nationalökonomie rechne, von ihnen sondert sich
eine Gruppe von Disziplinen, von denen man im Geiste jener Unter
scheidung sagen darf, daß sie bis ins Mark hinein das naturwissen
schaftliche Gepräge tragen. Historische Geologie, Kosmo-
gonie, Entwicklungsgeschichte der Lebewesen, sie alle
erscheinen sonach derHistorie gegenüber als eine Quasi-Historie.
Nun will es mir aus Gründen, die ich noch andeute, scheinen, als ob
jene Wissenschaften gerade dadurch, daß sie sich die Lösung unseres