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,Die Grenzen der Geschichte'
weil man sie für eine solche hält, die nur aus dem Zweckgehalt des
Geschehens erfolgt. Man sieht, im Lichte unserer landläufigen An
schauungen reduziert sich selbst der zweite Teil der historischen
Interpretation sehr bedenklich; und ihr erster, fundamentaler Teil,
mit dem ja die historische Erkenntnis schon ihr Gepräge erhält, gilt
da überhaupt nicht als relevant. Nun braucht man nur an die scheele
Meinung zu denken, die über jener „finalen“ Art des Erklärens wach ist,
und muß sich eingestehen, daß die ganze historische Erkenntnis dann
als ein Provisorium erscheint, als eine vorläufige Erkenntnis minderer
Güte, gemessen an dem Definitivum, das immer nur mit der
metahistorisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnis vorläge.
So wäre in unserem Beispiele, im Angesichte der gewissen Formen,
noch weitaus nicht das letzte Wort der Erkenntnis gesprochen, sobald
der Historiker hier eine Römerarbeit festgestellt hat; und wenn er
dieses Handeln noch so scharf als solches in seinem Hergange und
nach seiner Verflechtung erklärt hätte, die Einknüpfung dieses Ge
schehens in den großen Zusammenhang des Erlebten noch so be
friedigend zu bewirken wüßte. Die endgültige, die „wahre“ Erkenntnis
wäre erst dann erbracht, sobald man jenen Formen in der schon oben
skizzierten Weise ein Geschehen zu unterlegen vermöchte, das sich in
lauter streng kausale Verkettungen auf löst; Verkettungen, die sich hier
also über den Reiz- und Bewegungsapparat eines streng kausal er
faßten Lebewesens hinüber dehnen müßten. Hier, wie eben überall,
bliebe also das Höchste an Erkenntnis der Metahistorie Vorbehalten.
Ihr gegenüber wäre die Historie nur ein willkommener Notbau; wenn
man will, ein luftiger Oberstock der Erkenntnis, den unser seltsam ge
artetes Denken nun einmal zu zimmern weiß, obwohl die Fundamente
und der massive Unterbau noch ausstehen. Was übrigens diese
letzteren anlangt, dürften wir uns vor allem auch auf die „Soziologie“
verlassen, die bekanntlich uns armen historisch Erkennenden erst den
Star stechen wird.
Da ich zur Not zeigen konnte, daß sich der materielle Gegensatz
zwischen Historie und Metahistorie durchaus nicht auf eine abweichende
Art im Erklären reduzieren läßt, entgehe ich dem mißlichen Streit,
der sich über das Verhältnis zwischen „teleologischer“ und „Kausal
erklärung“ entsponnen hat, und der gelegentlich zu einem Rattenkönig
von Mißverständnissen ausgewachsen ist, wie es nun einmal der Brauch,
wo immer das liebe Wort den Ton angibt. Ich konstatiere einfach,
daß man geneigt ist, die Historie deshalb tiefer als die Metahistorie
zu stellen, weil man sie mit der „teleologischen Erklärung“ in Ver
bindung bringt; unter welchem Ausdruck man zwar alles mögliche