Full text : Wirtschaft als Leben

366

,Die  Grenzen  der  Geschichte'

weil  man  sie  für  eine  solche  hält,  die  nur  aus  dem  Zweckgehalt  des
Geschehens  erfolgt.  Man  sieht,  im  Lichte  unserer  landläufigen  Anschauungen ­
  reduziert  sich  selbst  der  zweite  Teil  der  historischen
Interpretation  sehr  bedenklich;  und  ihr  erster,  fundamentaler  Teil,
mit  dem  ja  die  historische  Erkenntnis  schon  ihr  Gepräge  erhält,  gilt
da  überhaupt  nicht  als  relevant.  Nun  braucht  man  nur  an  die  scheele
Meinung  zu  denken,  die  über  jener  „finalen“  Art  des  Erklärens  wach  ist,
und  muß  sich  eingestehen,  daß  die  ganze  historische  Erkenntnis  dann
als  ein  Provisorium  erscheint,  als  eine  vorläufige  Erkenntnis  minderer
Güte,  gemessen  an  dem  Definitivum,  das  immer  nur  mit  der
metahistorisch-naturwissenschaftlichen  Erkenntnis  vorläge.
So  wäre  in  unserem  Beispiele,  im  Angesichte  der  gewissen  Formen,
noch  weitaus  nicht  das  letzte  Wort  der  Erkenntnis  gesprochen,  sobald
der  Historiker  hier  eine  Römerarbeit  festgestellt  hat;  und  wenn  er
dieses  Handeln  noch  so  scharf  als  solches  in  seinem  Hergange  und
nach  seiner  Verflechtung  erklärt  hätte,  die  Einknüpfung  dieses  Geschehens ­
  in  den  großen  Zusammenhang  des  Erlebten  noch  so  befriedigend ­
  zu  bewirken  wüßte.  Die  endgültige,  die  „wahre“  Erkenntnis
wäre  erst  dann  erbracht,  sobald  man  jenen  Formen  in  der  schon  oben
skizzierten  Weise  ein  Geschehen  zu  unterlegen  vermöchte,  das  sich  in
lauter  streng  kausale  Verkettungen  auf  löst;  Verkettungen,  die  sich  hier
also  über  den  Reiz-  und  Bewegungsapparat  eines  streng  kausal  erfaßten ­
  Lebewesens  hinüber  dehnen  müßten.  Hier,  wie  eben  überall,
bliebe  also  das  Höchste  an  Erkenntnis  der  Metahistorie  Vorbehalten.
Ihr  gegenüber  wäre  die  Historie  nur  ein  willkommener  Notbau;  wenn
man  will,  ein  luftiger  Oberstock  der  Erkenntnis,  den  unser  seltsam  geartetes ­
  Denken  nun  einmal  zu  zimmern  weiß,  obwohl  die  Fundamente
und  der  massive  Unterbau  noch  ausstehen.  Was  übrigens  diese
letzteren  anlangt,  dürften  wir  uns  vor  allem  auch  auf  die  „Soziologie“
verlassen,  die  bekanntlich  uns  armen  historisch  Erkennenden  erst  den
Star  stechen  wird.
Da  ich  zur  Not  zeigen  konnte,  daß  sich  der  materielle  Gegensatz
zwischen  Historie  und  Metahistorie  durchaus  nicht  auf  eine  abweichende
Art  im  Erklären  reduzieren  läßt,  entgehe  ich  dem  mißlichen  Streit,
der  sich  über  das  Verhältnis  zwischen  „teleologischer“  und  „Kausalerklärung“ ­
  entsponnen  hat,  und  der  gelegentlich  zu  einem  Rattenkönig
von  Mißverständnissen  ausgewachsen  ist,  wie  es  nun  einmal  der  Brauch,
wo  immer  das  liebe  Wort  den  Ton  angibt.  Ich  konstatiere  einfach,
daß  man  geneigt  ist,  die  Historie  deshalb  tiefer  als  die  Metahistorie
zu  stellen,  weil  man  sie  mit  der  „teleologischen  Erklärung“  in  Verbindung ­
  bringt;  unter  welchem  Ausdruck  man  zwar  alles  mögliche
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.