Anhang, IX.
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rungen des „Werkzeugtieres“ gegenüberstellt. Aber wenn
man selbst davon absieht, daß sich das eine mit dem anderen gar
nicht überdeckt, weil eben die Geschichte, als Allzusammenhang des
Erlebten, unendlich umfassender ist, selbst dann kann man in dem
einen nicht das Gegenstück des anderen erblicken.
Die andere Gesamtheit ist eben nichts weniger als eine reale
Einheit. Prinzipiell genommen ist das ein bloßer Inbegriff, der alles
umfaßt, was unter den betreffenden Gattungsbegriff fällt. Die Ge
samtheit aller Lebensäußerungen der Spezies „Mensch“
ist nur in Willkür unseres Denkens zusammengezogen;
wenn auch in verständiger Willkür. Ist doch jede dieser
Lebensäußerungen für sich allein in den großen
Kausalzusammenhang eingekettet, den wir vom naturwissen
schaftlichen Standpunkte aus vor uns sehen. Und es ist. immer
prinzipiell genommen, schon zufälligen Charakters, wenn trotzdem
auch eine Verkettung der Lebensäußerungen von Individuum zu Indi
viduum vorliegt; und mag sie auch so häufig vorliegen, wie es durch
das „Zusammenleben“, durch die „arterhaltenden“ Vorgänge herbei
geführt wird. Dem Denken der „Gattung“ zuliebe über
schätzen wir diese Zusammenhänge und vergessen oder vernach
lässigen doch, daß sie sich nach allen Richtungen hin in den großen
Kausalzusammenhang verlieren, aus dem sie nur für unser geistiges
Auge als Einheit sich herausheben. Auch der Blutzusammenhang, der
als etwas Potentielles, als eine Möglichkeit, dem Denken der „Gattung“
unterliegt, ist ja zunächst nur ein Gedankending, das die Exemplare
untereinander in Beziehung setzt, aber keine reale Einheit des Ge
schehens begründet. Die letztere liegt eben prinzipiell überhaupt nicht
so vor, wie es bei der Geschichte gilt; nur der Vorstellung nach lassen
sich jene gesamten Lebensäußerungen als ein funktionelles Anhängsel
der Spezies auffassen.
Wenn aber für die Geschichte das naturwissenschaftliche
Gegenstück fehlt, weil sie unter den Händen der Naturwissenschaft
zu lauter disparaten Vorgängen zerfällt, die nur das Denken der
»Gattung“ zusammenhält, so gilt das Analoge folgerichtig auch für die
Grenzen der Geschichte. So selbstverständlich dies im voraus ist,
es wird gut sein, sich die Verhältnisse im einzelnen zurechtzulegen.
Die Grenzen der Geschichte lägen damit vor, daß aus dem realen
Zusammenhang des historischen Geschehens ein erfaßlicher Übergang
iu ein spezifisch anderes Geschehen zurückleitet. Diese Grenzen sind
also im Sinne des entscheidenden Wendepunktes zwischen
zwei geschlossenen Systemen gedacht. Davon kann aber