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,Die Grenzen der Geschichte 1 ',
Gegenstück zu einer fortwährenden Wiedergeburt und einem dauernden
Wiedererlöschen der Logik im Geschehen. Die Andauer der logischen
Zusammenhänge wäre bloß durch die Existenz der Gattung, durch
das dauernde Nebeneinander von Exemplaren verbürgt.
In der Geschichte ist dagegen das Geschehen selber in stetigem
Flusse, und mit ihm sind seine logischen Zusammenhänge stetig. Man
darf weder sagen, daß das historische Geschehen, als solches, unaufhörlich
einer spontanen Neubildung, noch daß es einer fortwährenden Rück
bildung in etwas anderes unterliegt. Es fließt seinen logischen Zu
sammenhängen entlang dahin und ändert nur die Modalität
seines Verlaufes. Dazu gehört der Wechsel in den Knotenpunkten
der Zusammenhänge, also die Mehrung und Minderung der „Subjekte“
des Geschehens, und der Wandel in seinen Bedingungen. So ist
z. B. das Hineinwachsen eines Kindes in die geschichtliche Welt
eins damit, daß ein neuer Knotenpunkt des Geschehens hinzutritt, um
den sich der Geschehensverlauf differenziert, und daß ein Komplex
neuer Bedingungen des Geschehens in den Gesamtkreis der Bedingungen
einfließt. Bildlich kann man da von einer „Verjüngung“ des Ge
schehens sprechen. In der Tatsache ist kein spontanes Auftauchen
historischen Geschehens, nur eine Differenzierung seines Ver
laufes eingetreten; Ähnliches gilt auch vom Tode. Und dieser Wandel
in der Modalität des Geschehens tritt auch gar nicht als ein allmäh
licher ein, wie es der naturwissenschaftlichen Vorstellung entspräche.
Denn vom Standpunkte der Geschichte gilt immer nur das starre Ent-
wederoder: Entweder gilt uns das Geschehen als ein solches, das vom
Boden der logischen Denkgesetze aus er faßlich ist; dann hat es
am Geschehenszusammenhang der Geschichte selber teil. Oder es gilt
als vom Boden der Denkgesetze nicht erfaßlich, dann bedeutet es
bloß eine Verschiebung in den Bedingungen des histo
rischen Geschehens. Ein Kind, z. B., ist so lange überhaupt
nur ein beweglicher Komplex von Bedingungen des Geschehens, bis
es durch etwas, das wir ihm attributiv als „Tat“ zusprechen, zu
einem Knotenpunkt der Zusammenhänge des nachher wie vorher
stetig dahinfließenden Geschehens geworden ist. Für dieses Geschehen
selber wäre eben die Geburt der Logik, wie sie mit den Grenzen der
Geschichte vorläge, etwas im Wesen Einmaliges, nicht aber das
gattungsmäßig von Exemplar zu Exemplar sich Wiederholende.
Und so hätte auch in diesem Sinne das Auftauchen des
„Werkzeugtieres“ gar nicht die Bedeutung, das natur
wissenschaftliche Gegenstück der Grenzen der Ge
schichte zu sein.