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,Die Grenzen der Geschichte'
seinem Ausmaß — ein gültiger, wenn er nicht an beliebige Ähnlich
keiten, an oberflächliche Übereinstimmungen Anlehnung nimmt,
sondern an jene besten, gültigsten Vergleichsergebnisse, die gerade im
Denken der Gattungen enthalten sind. Will man also das zu
interpolierende Geschehen formen, dann ist man an das Denken der
Gattungen gebunden. Zur Interpolation aber wird man gezwungen,
weil anders eine metahistorische Konstruktion gar nicht möglich wäre,
wenn sie die Bedeutung einer zeithaften Ordnung, einer Schichtung
der Seinsdinge haben soll, um die letzteren als Gewordenes erfaßlich
zu machen. In so wesentlichem Sinne erscheinen also
Metahistorie und Denken in Gattungen unzertrennlich.
Die Metahistorie ist generischen Charakters, oder sie ist über
haupt nicht.
Man sieht, die beiden Verhältnisse könnten nicht harmonischer
sein. Nach dem einen versteht es sich von selbst, daß die zeithafte
Ordnung der räumlichen Dinge über die Klassifikation der letzteren
hinaus, als ihre Perfektionierung vollzogen wird; laut dem anderen
ergibt sich diese Klassifikation als das, was ein zeithaftes Ordnen über
haupt erst möglich macht I So vereinen sie sich zur Wider
legung der Annahme, als ob der generische Charakter
der Metahistorie ein metahistorisches Prinzip der
Auswahl unterliegen hätte. Der Gedanke, die Dinge nicht
als Individuen, sondern bloß nach ihrer Zugehörigkeit zur Gattung in
Betracht zu nehmen, geht in seiner praktischen Durchführung nicht
bloß der Metahistorie voraus, ist also nicht bloß unabhängig von
der Einsicht, daß sich der Kausalzusammenhang nur beschränkt auf-
rollen läßt, er hat auch für die ganze Metahistorie den Sinn einer
conditio sine qua non.
Würde es sich um ein Prinzip der Auswahl handeln, nach
dem sich die Forschung zu richten hat, dann stünde es im Be
lieben der Forschung, dieses Prinzip im einzelnen zu durch
brechen. Das geschieht dann freilich auf Kosten der Forschungs
ergebnisse, die in proportionalem Maße an Wert verlieren, oder an
Belang. Aber es ist doch möglich! Die historische Forschung mag
oft genug gegen die richtige Auswahl verstoßen, um das eine Mal in
Akribie zu sündigen, ein andermal weniger eindringlich zu arbeiten, als
es geboten wäre. Ein solcher Verstoß ist dort aber im Wesen aus
geschlossen. Es steht absolut nicht im Belieben der
metahistorischen Forschung, den generischen Cha
rakter dieser Erkenntnisart abzustreifen. Sie kann z. B.
mit der Nutzanwendung ihrer Ergebnisse noch so sehr ins Konkrete