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„Die Grenzen der Geschichte“,
Nun wurzelt zwar alles Erfahren, auch das naturwissenschaftliche,
im Erleben. Während sich aber für den Fall der Naturwissen
schaft zwischen Erlebung und Tatsache ein gedanklicher Prozeß ein
schiebt, ein Schnitt gegenüber der empirischen Wirklich
keit vollzieht, darf man von der historischen Erkenntnis sagen,
daß ihr Erfahrungsstoff nichts anderes sei als die
empirische Wirklichkeit selber. Dieses schlechthin Gegebene,
die Totalität des Erlebten ist es, was uns als der Geschehens
zusammenhang der Geschichte in Einheit denkbar wird. Man darf
eben nicht vergessen, daß selbst die eindringlichste historische
Erkenntnis immer nur ein mageres Geflecht „roter Fäden“ aus jenem
allumfassenden Zusammenhang auszulösen vermag. Man darf nicht
übersehen, daß uns erst der Gedanke an eine „Übersetzung des
Historischen ins Naturwissenschaftliche“, bei der wir uns eben an die
Stelle des vernünftigen Geschehens die Lebensäußerungen des
„Werkzeugtieres“ tretend denken, daß uns erst dies die schiefe Auf
fassung zubringt, als ob sich mit dem historischen Geschehen nur ein
dünnes Äderchen durch die Gesamtheit alles Geschehens ziehen würde.
Im Erleben, das ganz unmittelbar den Erfahrungsstoff der historischen
Erkenntnis liefert, ist eben alles enthalten; auch das, was wir dann
im Destillationsprozeß der kausalen Erfassung als „Naturgeschehen“
aussondern. Nur daß wir im Nacherleben — und das ist die
Form, die aller historischen Erkenntnis im Angesichte der „Quellen“,
gegenüber der stellvertretenden Wirklichkeit des Überlieferten, auf
gedrängt wird — einen ungeheuren Rest des Erlebten gegenüber
dem wenigen vernachlässigen, was uns allein schon den Geschehens
zusammenhang erfassen läßt.
Man kann sich übrigens die Dinge wie immer zurechtlegen, mag
„Erlebung“ oder mag „Empfindung“ oder was immer als Grenzbegriff
der Erkenntnistheorie behandeln, es genügt, daß man nur überhaupt
das Naturwissenschaftliche um einen wesentlichen Schritt weiter von
der empirischen Wirklichkeit erkennt, als es für das Historische gilt;
gerade darin aber harmonieren, wie erwähnt, die Ansichten verdienst
vollster Theoretiker. Dann aber scheint der Schlüssel für das
Verhältnis zwischen Historie und Metahistorie gefunden. Darüber
zunächst einige Worte.
XXVII.
Wir können uns die empirische Wirklichkeit nur als ein lückenloses,
sich selber genügendes Geschehenssystem vorstellen, demgegenüber