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Umrisse einer Theorie des Individuellen, I, A.
I. Die idiographische Begriffsbildung.
Die Individuation.
A. Der Sonderbegriff.
Im Sinne eines Beispieles, das sich durch die ganze Untersuchung
ziehen soll, stellen wir uns ein kleines geographisches Szenarium zurecht:
Auf dem Plateau von Dingskirchen, nordöstlich von letzterem Orte,
unter dem m. Grade nördlicher Breite und dem n. Grade östlicher
Länge v. G., erhebt sich vereinsamt der X-Berg — unser engeres
Objekt; er liegt in der Verlängerung des Höhenzuges A, der jenes
Plateau mit dem Hauptstock des Y-Gebirges verbindet. Nach unserer
Annahme wäre diese ganze Situation der Wirklichkeit entnommen,
so daß alle ihre Einzelheiten Eigennamen tragen; für die letzteren
wären bloß der Kürze wegen Buchstaben eingesetzt.
Denken wir uns selber im Angesichte des X-Berges, dann reckt
sich dieser als eine anschauliche Einheit vor uns empor. Die Genesis
dieser Sachlage, die erkenntnistheoretischen Verhältnisse, das interessiert
uns hier nicht. Jedenfalls ist uns dann der Berg ein bestimmtes
Einzelnes, also ein Besonderes. Bestimmt in dem Sinne, daß
wir nicht zu fürchten brauchen, dieses Einzelne mit einem anderen zu
verwechseln, solange es in seiner Anschaulichkeit verharrt. Unter
dieser Voraussetzung ist uns der Berg also ein anschaulich Be
sonderes, ein Konkretum. Zwischen ihm und uns spinnt die An
schauung selber die Fäden dieser eindeutigen Verbindung, während
unser begriffliches Denken zu dieser Art Bestimmtheit nichts Wesent
liches beiträgt.
Setzen wir nun den Fall, daß sich zwei Personen ein Stelldichein
„am südlichen Fuße des X-Berges“ geben, um etwa dort ein Grundstück
zu besichtigen. Für sie wäre bei dieser Verabredung, weil sie brieflich
erfolgt, der X Berg nicht das anschaulich Bestimmte. Wenn sie sich
nachher dort wirklich treffen, dann setzt dies voraus, daß sie erstens
den Ausdruck „am südlichen Fuße“ richtig zu deuten wußten; zweitens
aber, daß beide Personen mit dem Worte „X-Berg“ auf das
nämliche wirkliche Ding Bezug nahmen. Ihnen — und das
gilt für jeden, dem das Wort „X-Berg“ als Eigenname verständ
lich ist — bleibt daher unser Berg auch als das bloß Gedachte ein
Einzelnes, das vor der Verwechslung mit einem anderen Einzelnen be
hütet ist. Da haben wir also eine zweite Art Bestimmtheit: im
Gegensatz zur anschaulichen nun die g ed an kl i che Bestimmtheit des
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