Umrisse einer Theorie des Individuellen, II. 489
nur, in welch enger Wechselbeziehung diese beiden Vorgänge
im Rahmen des idiographischen Verfahrens stehen.
Die Stufungen, von denen uns hier die erste absehbar wurde,
betreffen nur mittelbar die Individuen, unmittelbar aber die
Individualbegriffe, auf die hin die ersteren erfaßlich sind. Da
uns als Individuum gilt, was wir in seiner Eigenwürde erfaßt zu
haben glauben, was uns also in allgemeingültigem Sinne für
unersetzlich gilt, und da sich in letzterer Hinsicht jede Steigerung
ausschließt, so kann ein Individuum das andere unmittelbar gar nicht
überbieten. Es stufen sich eben nicht die Individuen selber nach
ihrer Eigenwürde ab, sondern immer nur die Individualbegriffe
nach ihrer Erkenntniswürde. Und nur auf diesem Umwege
erscheint uns das eine Individuum „höher“, ein anderes wieder
„geringer“ in seiner Bedeutung. Das Maß dieser Bedeutung ergibt sich
aus dem Dienste, den der betreffende Individualbegriff im Rahmen der
idiographischen Erkenntnis ableistet. Dies soll dann gleich aus der
Rückschau auf die oben skizzierten Verhältnisse erläutert werden.
Jedenfalls darf es uns nicht wundernehmen, daß man an schlichten Proben
unseres „populärgeographischen“ Denkens darlegen kann, wie eigen
tümlich in sich verkettet das idiographische Erkennen verläuft. Auch
jenes Denken ist eben ein wohl diszipliniertes und weiß, was es will. So
fällt es uns selbst im gewöhnlichen Verlauf der Dinge nicht ein, ein
Stück Wirklichkeit, gleich unserem Berge, auf gut Glück und querfeldein
unter Urteil zu nehmen, sobald wir es zu individualisieren suchen,
sobald wir uns also mit seiner Wirklichkeit um ihrer selbst willen
auseinanderzusetzen trachten. Auch da wenden wir uns dem Einzelnen
nur aus dem Gesichtspunkte einer Einsicht in das Ganze zu.
Wir verfahren sofort explikativ; daher nicht minder systematisch, als
wenn wir etwa unseren Besitz an nomothetischer Erkenntnis auf das
Einzelne anzuwenden suchten.
Ein Individuum erscheint uns um so bedeutsamer, je um
fassender das System ist, mit dessen Explikation es untrennbar
zusammenhängt. Da aber alle Systeme restlos im Allzusammenhange
aufgehen, so kann man auch sagen, jene explikatorische Be
deutung des Individuums stuft sich gemäß der
Reihenfolge ab, in der die Individuen bei der Ex
plikation des Allzusammenhanges zugleich erfaßbar
und behilflich werden; sofern wir uns nämlich diese Explikation
als einen fortgesetzten Prozeß denken, der das Ganze des idio
graphischen Erkennens in sich faßt. Diese Auffassung, die natürlich
mit dem tatsächlichen Hergang der idiographischen Forschung gar nichts