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,Der Wertgedanke",
Belang. Aber man könnte nicht in voller Unbefangenheit von einer
„Lehre, Doktrin, Theorie usw. des Wertes“ sprechen (dabei immer ein
und dasselbe meinend), ohne nicht im stillen auf den Komplex jener
vier Gedanken Berufung einzulegen. Sobald aber, wie es hier ge
schieht, diese vier Gedanken in der bestimmten Absicht zur wörtlichen
Aussprache kommen, um über sie zu erörtern, sobald sie also, im
Dienste der Kritik, ihrer Selbstverständlichkeit entkleidet werden, dann
wird jene stillschweigende Berufung natürlich hinfällig. Dann ist es auch
mit der Unbefangenheit in der Verwendung jener Ausdrücke vorbei.
Das ist der Grund, weshalb ich vom Standpunkte dieser Untersuchung
aus immer nur von der „sogenannten Wertlehre“ sprechen darf, und
ebenso nur von der „sogenannten Wertdoktrin“ usw. sprechen dürfte J ).
’) Dieser unvermeidliche Gegensatz in der Art und Weise des Sprechens wird zu
einem Hinweise darauf, wie uns das Streben nach der Selbstbesinnung dieses Forschen»
dazu zwingt, aus dem Rahmen der herkömmlichen Anschauung herauszutreten. Es ist
damit schon geschehen, daß wir jene vier Gedanken, für die sonst nur vereinzelte Worte
einstehen, zur eigentlichen Aussprache gebracht haben. Es wird in verstärktem Maße
geschehen, indem wir nunmehr an die Erörterung jener Gedanken schreiten. Unsere
Untersuchung bewegt sich von da an gleichsam in den Souterrains des herkömmlichen
Denkens.
Wenn aber im Geiste einer Anschauung, die für eine ganze Wissenschaft als die
herkömmliche gelten darf, gewisse Dinge als selbstverständlich betrachtet und behandelt
werden, ist diesen Dingen gegenüber überhaupt noch eine Erörterung zulässig?
Es kann einen ganz verschiedenen Grund haben, weshalb wir von irgend etwas
dafürhalten, daß es sich von selbst verstünde. Entweder haben wir darüber ein für
allemal ausgedacht, oder wir haben es bisher unterlassen, darüber zu denken. Das will
etwas ganz Verschiedenes besagen, und läuft in der Wirkung doch auf ein und dasselbe
hinaus. Denn in beiden Fällen bleibt das Betreffende außer jeglicher Erörterung; wir
denken mit ihm, ohne doch über es zu denken. Dort könnten wir von einem festen
Niederschlag des Evidenten sprechen, den das eigentliche, das bewegliche, flüssige
Denken ausgeschieden hat; hier aber von einem festen Bodensätze des unbesehen
Hingenommenen, von dem wir nicht wissen, ob er wirklich unlösbar sei, oderseiner
Auflösung in dem eigentlichen Denken bisher nur entgangen ist.
Nichts aber als ein solcher Bodensatz von unbesehen Hingenommenem ist nun auf
gerührt, indem jene vier Gedanken zu ihrer Aussprache gekommen sind. Denn über sie
ist eben keineswegs ein für allemal ausgedacht, es ist bisher nur unterlassen worden,
über sie zu denken. Da müßte es sich erst zeigen, ob dieser Bodensatz, gleich einem
ausgeschiedenen Niederschlag, als etwas fernerhin Unlösliches von dem eigentlichen, dem
flüssigen Denken sich scheidet. Das will sagen, ob wir in jenen Gedanken letzten Wahr
heiten gegenüberstehen, die nicht bloß alle Erörterung überflüssig machen, die erst gar
keine Erörterung mehr zulassen — ob es sich also bei ihnen um Dinge handelt, die wir
für wahr halten müßten, um überhaupt denken zu können.
In Wahrheit ist es aber ganz anders um jene vier Gedanken bestellt. Geschweige,
daß sie jede weitere Erörterung ausschließen, werden sie sich einer solchen dringend
bedürftig zeigen.