Full text : Wirtschaft als Leben

Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  1,  A.

5 27

Dies  stützt  sich  offenbar  auf  eine  Definition  von  „lesen“,  wie  dieses
Wort  in  der  Aussage  A  verwendet  wird  und  sie  ja  eigentlich  trägt.
Ob  nun  diese  Definition  für  ihren  Teil  befriedigt,  oder  ob  sie  zu  weit
oder  zu  eng  ausgefallen  ist,  tut  soweit  nichts  zur  Sache,  als  sie  nur
überhaupt  möglich  ist.  Denn  mit  ihrer  bloßen  Möglichkeit  wird
es  bereits  absehbar,  daß  auch  die  Aussage  A  ihren  eigenen,  selbständigen ­
  Inhalt  hat.  Freilich  ist  neben  der  hier  gelieferten  Definition
von  „lesen“  auch  noch  eine  andere  möglich,  die  ausgesprochen  physiologischer ­
  Natur  wäre,  und  eine  dritte  von  ausgesprochen  psychologischer ­
  Natur.  Aber  gerade  die  Möglichkeit  dieses  Dreierlei
der  Definitionen,  die  Möglichkeit  also,  daß  sich  die  Deutung  von  „lesen“,
wie  es  in  der  Aussage  A  enthalten  ist,  auf  einer  selbständigen
Linie  bewegen  kann,  spricht  für  die  Selbständigkeit  von  A.
Dieser  Behauptung  stellen  sich  eine  Menge  Zweifel  entgegen,  denen
die  Untersuchung  erst  nach  und  nach  gerecht  wird.  Vorläufig  kann
man  dies  außer  acht  lassen,  da  ein  Einwand  möglich  ist,  der  so  sehr
auf  den  Kern  der  ganzen  Sachlage  abzielt,  daß  seine  Widerlegung  alle
Ungewißheit  wettmacht.  Da  nämlich  die  Aussage  A  als  eine  erfahrungswissenschaftliche ­
  zur  Diskussion  steht,  macht  es  im
Grunde  nicht  viel  aus,  ob  sie  einen  mehr  oder  minder  selbständigen
Inhalt  besitzt;  um  so  mehr  jedoch,  insoweit  man  die  Bedenken  gegen
sie  in  dem  Einwand  zusammenfassen  kann,  daß  sie  den  Aussagen  B
und  C  nicht  ebenbürtig  sei,  indem  sie  vom  erfahrungswissenschaftlichen ­
  Standpunkt  aus  etwas  Minderwertiges
Wäre.  Hier  fällt  zweifellos  die  Entscheidung!
Die  drei  Aussagen  lassen  sich  als  Erfahrungsurteile  ansehen,  sofern ­
  man  sie  einem  Beobachter  in  den  Mund  legt.  Die  Aussage
A  nimmt  dann  etwa  die  Form  an:  „Dieser  liest.“  Jener  Einwand
stützt  sich  nun  auf  die  alte,  stets  von  neuem  wiederholte  Behauptung,
daß  der  Beobachter  eine  solche  Aussage  nicht  anders  vollziehen  könne
als  im  Wege  eines  ganzen  Schluß  verfahrens:  Eines  Schlusses,  der
von  dem  „Gesehenen“,  „Gehörten“  usw.,  also  vom  Inhalte  einer  Aussage ­
  nach  dem  Typus  B,  ausgeht  und  sich  dabei  über  die  Analogie
zum  eigenen  Erleben  hinbewegt,  bevor  er  zu  jener  Konklusion  führt,
die  mit  A  ausgesagt  wird.  Diese  Behauptung  ist  erkenntnispsychologischer
  Natur;  es  muß  ihr  daher  ebenso  begegnet  werden.
Versetzen  wir  uns  also  in  die  Rolle  des  Beobachters.
Soviel  ist  sicher,  der  Ausdruck  „lesen“,  wie  er  die  Aussage  A
trägt,  kann  sich  unmöglich  als  der  Name  für  die  Wahrnehmung  eingebürgert ­
  haben,  daß  die  Bewegung  der  Augen  den  Wortbildern
folgt;  auch  nicht  dafür,  daß  die  Augen  zentrisch  auf  ein  Buch  ein ­
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.