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,Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“,
im Namen, im Denken der Sinn. Nur dem Worte nach pflücken wir
stets die „Rose“, auch dann, wenn wir sie ganz ungetrübt von aller
Phänomenologie als „Schmuck“, als „Liebeszeichen“, als „Augentrost“
gepflückt hätten. Oft ist dieses qui pro quo nur eine lebensfremde
Abstraktheit der Sprechweise; der Städter sieht „das Gras mähen“,
wo der Landmann lebenswarm davon spricht, daß er „das Futter ein
heimst“. Bei den noetisch geformten Substanzen ist es übrigens meist
anders; da gereichen die Gastbegriffe aus der anderen Denkweise so
gar zur höheren Anschaulichkeit: „Der Lange“, „Rotbart“, „Sausewind“.
Im ganzen ist das noetische Denken mehr das gebende als das
nehmende. Erborgt es sich selber für Dinge und Eigenschaften
phänomenologische Namen, so zeigen dafür die Relationsbegriffe
des phänomenologischen Denkens fast durchweg die noetische Prägung:
„kommunizierende Röhre“, „Zug“, „Assoziation“ usw. Beziehendes
Denken und noetischer Ausdruck fallen nun einmal überein, bis hin
auf zu den Gattungsnamen jener mathematischen Ausdrucksformen:
„Gleichung“, „Potenz“, „Integral“, „Exponent“ — die nun erst in der
Sache Wandel schaffen. Der Wahn aber, noetisch denken hieße so
viel wie oberflächlich denken, wird auch dadurch genährt, wie gesagt,
daß die Naturwissenschaft im ersten Zugriff alles noetisch ausdrückt,
um sich dann erst die Dinge in ihrer eigenen Art zurechtzulegen.
Es stimmt mit dem fundamentalen Gegensatz „aktiv—passiv“ über
ein, wenn die Subjektbeziehung in den zwei Formen des Aktes und
der Erleidung auftritt; aber es harmoniert dies auch mit ihrer polaren
Natur. Wo eine Beziehung nicht schlechthin zwischen ihren An
knüpfungspunkten webt, sondern einen Pol besitzt, da ist ihr auch
Bestimmtheit in der Richtung eigen, sie wird verkehrbar. So sind
auch Akt und Erleidung einander invers: Als Akt entspringt die
Subjektbeziehung beim Subjekt, während sie als Erleidung beim Sub
jekt ausmündet! Die Kohärenz des Aktes hat also den näheren
Sinn des Ursprungs, die Kohärenz der Erleidung aber jenen der Aus
mündung im Subjekte. Das sind freilich nur Bilder; als Sache steht
dahinter jene „einzigartig antithetische“ Natur des Subjektes, die sich
nur mehr konstatieren, aber nicht weiter erläutern läßt.
Subjekt, Objekt, Akt und Erleidung lassen sich wohl zueinander
ins Verhältnis setzen, aber keine von diesen Kategorien ließe sich in
die übrigen auflöse n. So ist es klar, daß sich das Subjekt nicht
etwa als eine Komposition von Akten und Erleidungen darstellt, weil
die letzteren selber nur gemäß ihrer Kohärenz zum Subjekte erfaßlich
sind. Insbesondere darf man die Erleidung nicht so auffassen, als
wäre hier einfach das Subjekt in die Objektfunktion gedrängt. Das