Geschichte und Sozialwissenschaft.
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verarbeitet werden die Tatsachen, indem man sie einerseits kausal,
andererseits begrifflich, z. B. also klassifikatorisch, zu ver
knüpfen sucht. So weit reicht die Einheit im Vorgänge aller
Erfahrungswissenschaften überhaupt. Für jene beiden Disziplinen
reicht sie aber noch weit darüber hinaus: Man muß dem überaus
wichtigen Umstand Rechnung tragen, daß beiden Disziplinen gemein
sam die noetische Erfahrung unterliegt! Es ist wohl ohne
weiteres klar, daß ein so spezifischer Modus im Erfahren einen ge
waltigen Einfluß darauf ausübt, wie man Tatsachen feststellt und sie
verarbeitet. So macht es speziell für die sozialwissenschaftliche Be
griffsbildung den Grundstock ihres Wesens aus, daß sich in ihr die
Poetische Denkweise auslebt.
Dieser tiefgreifende Einfluß der Denkweise auf das ganze Gebaren,
insbesondere also auf die Begriffsbildung einer Wissenschaft, bleibt der
herrschenden Lehre ganz außer Sehweite. Sie weiß ja nichts von
einem Gegensatz im Modus des Erfahrens, was dasselbe sagt, in der
Denkweise. Sie kennt theoretisch nur die eine, die phänomenologische
Denkweise, und danach hält sie auch das Gebaren aller Erfahrungs
wissenschaften für ein im Prinzipe einheitliches. Für sie versteht
sich der „Universalismus der Methoden“ in solchem Grade von selber,
daß er nur ausnahmsweise betont wird. Nur dann geschieht dies,
wenn es eine gegenteilige Meinung abzuwehren gilt, die dann wohl
als „Eigenbrödelei“ einzelner Disziplinen abgefertigt wird. Aber mit
dem gleichen Rechte, wie hier den zwei Gruppen der Erfahrungs
wissenschaften ihre spezifischen Methoden abgesprochen werden, könnte
man es etwa den Wassertieren als „Eigenbrödelei“ auslegen, daß sie
Kiemen statt der Lungen haben! Freilich ist der hier bedingende
Gegensatz zwischen Wasser und Land leichter zu erfassen, als jener
zwischen noetischer und phänomenologischer Denkweise, der immerhin
erst durchdacht sein will; gleiches gilt ja auch von dem Gegensatz
zwischen nomothetischem und idiographischem Verfahren. Darum ge
hört auch das Schlagwort vom „Universalismus der Methoden“ zu
jener nichtsnutzigen Sorte, die von der Ignoranz lebt und sich dabei
von der Denkfaulheit aushalten läßt.
Der Einfluß auf das Gebaren einer Wissenschaft, den die Denk
weise ausübt, von der sie getragen wird, wird sich hauptsächlich nach
drei Richtungen hin geltend machen. Erstens in bezug auf die Tat
sachen, von denen die betreffende Wissenschaft ausgeht. Die
spezifische Denkweise wird ebensowohl die Natur der Tatsachen, als
auch die Art ihrer Feststellung spezifisch beeinflussen. Die Tatsache
ist dann nicht als ein Stückchen Wirklichkeit zu verstehen; das ent-
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