Geschichte und Sozialwissenschaft.
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lichkeit“ sprechen. Die ganze Vorarbeit gipfelt ja in der Darstellung,
wie sich diese Art Wirklichkeit aus dem Anschaulichen heraus auf
baut, wie der besondere Stoff gemäß besonderen Kategorien geformt
und dann, abermals in besonderer Art, kausal und begrifflich aus
gestaltet wird. Ein Gegensatz zwischen den beiden Disziplinen ist da
her nur so möglich, daß ihr Verhalten zur ihnen gemein
samen Wirklichkeit ein verschiedenes ist.
Da sich auf dieser Einsicht die ganze Lösung aufbaut, sei der
Zusammenhang noch etwas näher erläutert. Zwei Dinge sind scharf
zu sondern: das Verhalten zur erkenntnistheoretisch gemeinten
und das Verhalten zur empirisch gemeinten Wirklichkeit. Das
erstere läßt sich als das wissenschaftliche Gebaren „unter Tag“ ver
bildlichen; denn es entzieht sich vollständig der Wahrnehmung, solange
man mit dem unaufgelösten Begriff der Erfahrung operiert, wie
es die Methodologie leider gewöhnlich tutl In ihrem Gesichtskreis
liegt dann bloß das Verhalten zur empirisch gemeinten Wirklich
keit, zur Wirklichkeit schlechthin; daher man hier wieder vom wissen
schaftlichen Gebaren „über Tag“ reden darf. Das Gebaren „unter
Tag“ ist bei der Sozialwissenschaft nicht anders als bei der Geschichte;
daraufhin besondern sich überhaupt noch nicht die einzelnen Wissen
schaften, nur das erfahrungswissenschaftliche Erkennen, als solches,
zerfällt in ein noetisch und in ein phänomenologisch geartetes, und
zwar in Bezug auf Tatsache, Kausalität und Begriff. Insbesondere die
Begrififsbildung zeigt sich hier ebenso vom Stoffe der Erkenntnis ab
hängig, wie sie nachweislich vom Ziele der Erkenntnis abhängt.
Das Gebaren „über Tag“ betrifft zunächst die eigentliche
„Methode“ der Wissenschaften. Auch hier regiert der „Stoff“ seine
Behandlung; nur ist es hier der erkenntnistheoretisch bereits aus
gestaltete Stoff, also das von uns für wirklich Gehaltene, in Tat
sachen Aufgreifbare, das „Tatsächliche“. Wenn diese Behandlung je
nach dem Stoff eine verschiedene sein muß, so zieht dies noch immer
keine Sonderung zwischen einzelnen Wissenschaften nach sich; was
sich daraufhin spezialisiert, sind vielmehr die Methoden der
Forschung. So will z. B. das empirisch Besondere der „Über
lieferungen, Denkmäler und Reste“ in ganz besonderer Weise be
handelt sein; dies ergibt die „historische Methode“. Diese tritt aber
in den Dienst der Sozialwissenschaft nicht anders als in jenen der
Geschichtswissenschaft selber! Auch der Sozialforscher bedient sich
notwendig dieser Methode, sobald er sich der Vergangenheit zuwendet,
aber er bleibt deshalb doch Sozialforscher.