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Geschichte und Sozial Wissenschaft. - g -
Methoden der Forschung gehören gar nicht zum Charakter einer Einzel
wissenschaft, aber ihre Kompositionsprinzipien machen ihn aus.
Sozialwissenschaft und Geschichte haben ihren „empirischen Be
stand“ gemein: die „geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit“, schärfer
gesagt, das in den Kategorien des multipolaren Ge
schehens gedachte „Dritte Geschehen“; also das noetisch
Erfahrbare, jedoch so aufgefaßt, daß es stets zugleich auf eine Mehr
heit der Subjekte bezogen erscheint. Es hängt nun alles an der
Frage, wie sich dieser „empirische Bestand“ als ein einheitliches
Ganzes denken läßt? Auf den ersten Blick möchte es wohl
scheinen, daß schon dabei ein Gegensatz herauskäme: die Sozial Wissen
schaft wäre vor die „Gesellschaft“, ihre SchwesterWissenschaft vor die
„Geschichte“ gestellt. Dies widerspräche aber der Einheit dieses
empirischen Bestandes. Wenn es möglich ist, daß sich dieser gemein
same empirische Bestand auch in jener doppelten Weise als ideale
Totalität erfassen läßt, so muß dies irgendwie schon eine Folge der
gesuchten Scheidung sein; unmöglich kann es ihr Grund sein! Im
Lichte der erkenntnistheoretischen Betrachtung kehrt sich der land
läufig angenommene Sachverhalt auch hier wieder in der charakte
ristischen Weise um: „Geschichte“ und „Gesellschaft“ sind dann nichts,
was „draußen“ läge, sei es als „Gebiet“, „Gegenstand“ u. dgl., und
das nun erst in unser Erkennen übernommen würde, an der
Hand gewisser Disziplinen; was uns „draußen“ scheint, ist in Wahr
heit erst „hinausversetzt“ kraft der spezifischen Art unseres
Denkens.
Der gemeinsame empirische Bestand der beiden Disziplinen duldet
an sich gewiß nur eine einzige Vorstellung seiner Totalität. Hier läßt
es sich nicht näher ausführen, aber tatsächlich ist diese Vorstellung
des Zusammenhängens zur Einheit schon in der Natur des Zusammen
hängenden angelegt; sie ist in der erkenntnistheoretischen Eigenart
des noetisch Erfahrbaren begründet, weil hier eben ununterbrochen
auf den anschaulichen Zusammenhang des Erlebten reflektiert wird.
Wer über jene empirische Wirklichkeit, deren einheitliche Konstitution
die Vorarbeit aufdeckt, erfahrungswissenschaftlich denken will, sieht sich
dem Allzusammenhang des multipolaren Geschehens
gegenüber, wie er über Zeit, Raum und Subjekte hinweg geflochten
ist. Anders läßt sich die zu empirischer Wirklichkeit ausgestaltete
„Welt der Erlebungen“ nicht in Einheit denken, als in Gestalt dieser
„Welt des Handelns“. Die letztere faßt alles in sich, was der
Historiker sowohl wie auch der Sozialforscher als „wirklich“ vor sich
erblickt, was also beiden für „tatsächlich“ gilt. Diese „Welt des