Soziologische Zusammenhänge, XIII.
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Diesem Grundsatz bleibt freilich auch der „Einzelne“ unterworfen, weil
auch er handelt und dies technisch vernünftig zu besorgen hat; aber
damit ist natürlich für die „nichtsoziale“ Artung der Wirtschaft auch
nicht das mindeste bewiesen. Von links dagegen meldet sich Herr
Robinson, der ja allemal herhalten muß, sobald sich die „Güterlehre“
in einem lichten Augenblick zurückbesinnen will vom Erwerb auf
Wirtschaft. Denn buchstäblich erwerben, darüber ist man sich klar,
könnte auch Robinson nicht, gewiß aber wirtschaften. Kann er dies
nun wirklich? Warum nicht 1 Nur führt er nicht jene „Musterwirt
schaft“, jene sozusagen noch nicht sozial entartete, die man ihm nach
rühmt ; sondern umgekehrt, eine ganz und gar verkrüppelte Wirtschaft
treibt er, weil einfach in der Robinsonade das menschliche Zusammen
leben bis zum äußersten Grenzfall eingeschrumpft erscheint. Davon
selbst abgesehen, wie sehr sich Robinson überhaupt nur kraft seiner
materiellen und geistigen Erbschaft aus dem Zusammenleben zu be
haupten weiß, kann man im Grundsatz sagen: die Robinsonade ist
nicht die durchgehende Einheit für den Aufbau, nur ein letztes Eins
hinter dem Abbau des Wirtschaftslebens. Auch dieser abgesprengte
Wirtschaftssplitter widerlegt also bloß scheinbar den grundwesentlichen
Zusammenhang von Wirtschaft und Zusammenleben.
Wie die ganze Sache für meine eigene Auffassung liegt, kann
wieder nur vorgreifend angedeutet werden. Ganz unabhängig vom
Worte „Wirtschaft“, ohne auch nur im mindesten von dessen Deutung aus
zugehen, läßt sich ein Tatbestand nachweisen, den man hinterher
darum „Wirtschaft“ nennen muß, weil man ihn sprachrichtig gar nicht
anders nennen kann; und erst und überhaupt nur darüber, über den
Zwang zu dieser Nennung des vorher festgesetzten Tatbestandes, ent
scheidet der deutbare Sinn des Wortes. Der Tatbestand selber ergibt
sich als der Auslauf einer spezifischen Teilgestaltung des menschlichen
Zusammenlebens. Darin sehe ich den grundwesentlichen Zusammen
hang zwischen Wirtschaft und Zusammenleben. Wirtschaft, als Leben,
ist Gestaltung menschlichen Zusammenlebens im Geiste dauernden
Einklangs von Bedarf und Deckung. An die Stelle dieser Teilgestaltung
menschlichen Zusammenlebens setzt nun die nationalökonomische
Theorie unverzagt jenes „Güterleben“, in dessen Konstruktion sich
diese Theorie auch erschöpft.
Als „Güterleben“ ist eben keineswegs eine Teilgestaltung vom
Zusammenleben abgehoben. Da hat man sich vielmehr einen Mechanis
mus der Güterbewegung zurechtgelegt, dem alles Menschliche gerade
11 ur die Begleiterscheinung abgibt. So ist ja tatsächlich das starre
System im Geiste dieser verschrobenen Stoffbehandlung beschaffen;