Methodologische Glossen, XV.
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macht; wir glauben dann bei diesem emporgezerrten Geflechte ihrer
roten Fäden schon die „ganze“ Sache zu erfassen. An sich nun hätte
dieses Hervorheben, dieses Betonen des „Wesentlichen“ nichts mit „Iso
lieren“ zutun; bleibt doch sozusagen die ganze Wirklichkeit insgeheim
daran hängen; denn jederzeit und in jedem Ausmaße ließe sich auch
das „Zurückgedrängte“, das steigend „Unwesentliche“, noch einbeziehen,
ohne das Gedankenbild zu verwirren.
Dem Anschein richtiger „Isolierung“ leistet aber etwas anderes
Vorschub: das Einspielen der „Fiktion“ 1 Alles hängt an der Einsicht,
daß die „idealtypische“ Begriffsbildung in zwei Spielarten auftritt. Sie
kann auch von etwas anderem ausgehen als von der Empirie, mit deren
Hilfe zwar auch kein „Abbild“ der Wirklichkeit, aber deren geistiges
„Nachbild“ erzielt wird. Man kann nämlich von vornherein auch in
rein konstruktivem Sinne mit eitel „legitimen Fiktionen 1 arbeiten; ich
meine bei der Begriffsbildung selber, und nicht bloß in Sachen der
Hilfserwägungen, die als solche in der Wissenschaft allemal mit Fik
tionen arbeiten. Hier überall spielt absehbar die Frage des „Ratio
nalen“ herein, dessen hohen Erkenntniswert Max Weber so klar
hervorhebt. Jedenfalls ist dieser rein konstruktiv entstandene „Ideal
typus“ nicht vom Werte eines geistigen „Nachbildes“, sondern einer
bloßen „Nachdichtung“ der Wirklichkeit! Diese Nachdichtung erscheint
trotzdem als um so rechtmäßiger, je „freier“ sie geartet ist; das will
in diesem Falle sagen, je ungehemmter sich dabei das Denken gemäß
der Vernunft bewegt. Bei solchen „freien Nachdichtungen“ der Wirk
lichkeit folgt man einfach den Spuren des vernunftmäßig Selbstver
ständlichen 1
So erstehen in unserer Theorie jene Theoreme, mit denen eigent
lich nur Gemeinplätze breitgetreten sind; auch damit sich abzugeben,
bleibt das Los unserer Wissenschaft, als „Erkenntnis des Bekannten .
Die herkömmliche Theorie gibt sich überhaupt nur damit ab. Da sie
aber mit ihrer Begriffsbildung grundsätzlich nirgends hinter der Em
pirie fortarbeitet, kennt sie Nachbilder der Wirklichkeit eigentlich nur
als Füllsel. Sie baut am System der „Güterlehre“ fast ausschließlich
mit Nachdichtungen. Aber diese sind bei ihr allemal „unfreie I Denn
hier gehorcht das konstruktive Denken, wenn es dem „Rationalen ,
dem vernunftmäßig Selbstverständlichen auf der Spur blei t, von vorn
herein jenen ungewußten „erwerbswirtschaftlichen“ Einstellungen, die
gleich Bindungen von ihm wirken. Als Abschluß ein zusammenfassen
des Bild. Für alle legitimen Fiktionen, für die erkenntnisnotwendigen
Unterstellungen überhaupt, drängt sich das Gleichnis von Hilfslinien
a uf, ohne die ja eine regelrechte Zeichnung nicht zustande kommt