Europäische Kolonisation
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dem die am dichtesten bevölkerten Länder stehen, ist offenbar
noch viel wichtiger.
Im Durchschnitt der oben angegebenen Zahlen ergibt sich
ein Hektarertrag von nur 12 hl., das heißt, die geringe Leistung
des großen Rußland drückt den europäischen Durchschnitt auf
ein Drittel des belgischen herab.
Wenn es gelänge, die Intensität der Bewirtschaftung in allen
Ländern auf die gleiche Stufe zu heben, die Belgien erreicht
hatte, könnte Europa, selbst wenn die Anbaufläche nicht ver
größert würde, das Dreifache der V orkriegsproduktion an Getreide
leisten. Das würde schon für einen erheblichen Bevölkerungs
zuwachs ausreiehen. Nun kommt aber dazu, daß die Vergröße
rung der Anbaufläche noch in recht weiten Grenzen möglich ist.
Hickmanns Üniversal-Tasehenatlas, Seite 84, zeigt die Boden
verwertung in den europäischen Staaten in Prozenten der Ge
samtfläche. Man sieht, daß dieselbe naturgemäß je nach der
physischen Beschaffenheit des Landes sehr verschieden ist. So
hat z. B. Norwegen 71% unproduktive Fläche. Aber der Kultur
grad spielt auch eine große Rolle. Ohne uns auf die Möglichkeit
einzulassen, unproduktive Flächen, wie z. B. Moorland, über das
wir schon flüchtig sprachen, urbar zu machen, wollen wir hier
nur vom Walde reden. Europa hat 28% Wald. Er verteilt sich
sehr ungleich. Schweden hat 48%, das frühere europäische Ruß
land 39%) die Niederlande dagegen nur 8%, Dänemark 7%,
Portugal 3%. An gut kultivierten Ländern, die etwa in der Mitte
stehen, wollen wir Deutschland mit 26% und Frankreich mit
16% Bewaldung nennen. Nun läßt sich eine wünschenswerte
Durchschnittsziff'er für Bewaldung wohl kaum festsetzen, da hier
die Verschiedenheit der klimatischen und orographischen Ver
hältnisse in den einzelnen Ländern eine große Rolle spielt. Nehmen
wir aber, um einen Rechnungsatz zu haben, an, daß sich die Dureh-
schnittsbewaldung Europas ohne Schaden von den heutigen 28%
auf 20% vermindern ließe, welche Ziffer etwa dem Mittel zwi
schen Deutschland und Frankreich entspricht, so würden noch
28 weniger 20 = 8% jetzigen Waldbodens der Kultur zugeführt
werden können. Das wären 829.000 hm 2 = 82*9 Millionen Hektar,
welche Fläche über die Hälfte der jetzigen Anbaufläche an
Getreide ausmacht.