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„Vom Wirtschaftsleben und seiner Theorie“,
gültig, wie üppig daraufhin auch alle Formen der Wirtschaft aus
wuchern mögen: jenen Sinn der Wirtschaft, als Leistung nämlich, hält
der Alltag eisern fest. Es übersteigt völlig den Horizont des Alltags
denkens, daß nicht schon diese Leistungen die Wirtschaft ausmachen,
sondern sie es nur sind, worin sich die Wirtschaft als ein Leben be
kundet.
Und nun die nationalökonomische Theorie? Man darf sie freilich
nicht über einen Kamm scheren. Aber wie lautet das Fazit auch des
theoretischen Denkens über die Wirtschaft? Da heißt es bald „vor
sorgliche Bedarfsdeckung“, bald „Sachgüterversorgung“, bald „Wirt
schaft als zweites Reich der Mittel“, bald „Wirtschaft als Vergleich
zwischen Nutzen und Kosten“ usf. So abweichend voneinander dies
klingt, ausnahmslos besagt es Wirtschaft als Leistung. Bei solcher
Einstellung drängen sich begreiflicherweise die sachlichen Träger der
Leistung in den Vordergrund, die „Güter“. Schon vom Alltag kann
man sagen, er denke über die Wirtschaft gleichsam in Gütern. Und
güterselig denkt nun auch die Theorie, offen oder verhohlen. Mit dem
einseitigen Blick auf die Güter ordnet sich dann auch die theoretische
Darstellung. Der sog. „Kreislauf der Wirtschaft“ ist einfach ein Kreis
lauf der Güterschicksale: das Werden, Wandern und Vergehen der
Güter. Daher auch die Abschnitte, die „Lehren“ von der „Produktion,
Zirkulation, Distribution und Konsumtion“ zum eisernen Schema werden
für die durchschnittlichen Systeme unserer Theorie. Im ganzen ist so
aus dem Wirtschaftsleben als Tatbestand ein „Güterleben“ als Redens
art geworden.
Wie geistvoll und scharfsinnig auch diese Systeme der National
ökonomie als Güterlehre gelegentlich ausfallen, man fühlt es längst
heraus, daß da etwas nicht stimmt, daß sich die Wissenschaft dabei
selber etwas schuldig bleibe. Aber wohin treibt diese Empfindung?
Sehr früh schon zur Forderung, auch unsere Wissenschaft müsse auf
„Gesetze“ hinarbeiten, als Krönung aller Theorie. Man will eben das
praktische Handeln über die „Naturgesetze der Wirtschaft“ aufklären.
Sehr gut. Z. B. also gleich das berühmte „Gesetz von Angebot und
Nachfrage“. Der Politiker, der Gesetzgeber mag sich dagegen noch
so oft und stark versündigen, mit plumper und einseitiger „Höchst
preis-Festsetzung“ und ähnlichem; aber jeder kaufmännische „Stift“
kann schon am dritten Tage seines Amtsantritts zum Newton dieses
„Gesetzes“ werden. Er haspelt sich die Sache an den fünf Fingern ab.
Dieses sog. „Gesetz“ ist ja nur die idealtypische Aufrollung eines
völlig durchsichtigen Zusammenhanges, der hiermit nur ein für allemal
auf eine bündige Formel gebracht, gleichsam also auf Lager gedacht