Full text : Wirtschaft als Leben

6g8

„Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie“,

gültig,  wie  üppig  daraufhin  auch  alle  Formen  der  Wirtschaft  auswuchern ­
  mögen:  jenen  Sinn  der  Wirtschaft,  als  Leistung  nämlich,  hält
der  Alltag  eisern  fest.  Es  übersteigt  völlig  den  Horizont  des  Alltagsdenkens, ­
  daß  nicht  schon  diese  Leistungen  die  Wirtschaft  ausmachen,
sondern  sie  es  nur  sind,  worin  sich  die  Wirtschaft  als  ein  Leben  bekundet. ­

Und  nun  die  nationalökonomische  Theorie?  Man  darf  sie  freilich
nicht  über  einen  Kamm  scheren.  Aber  wie  lautet  das  Fazit  auch  des
theoretischen  Denkens  über  die  Wirtschaft?  Da  heißt  es  bald  „vorsorgliche ­
  Bedarfsdeckung“,  bald  „Sachgüterversorgung“,  bald  „Wirtschaft ­
  als  zweites  Reich  der  Mittel“,  bald  „Wirtschaft  als  Vergleich
zwischen  Nutzen  und  Kosten“  usf.  So  abweichend  voneinander  dies
klingt,  ausnahmslos  besagt  es  Wirtschaft  als  Leistung.  Bei  solcher
Einstellung  drängen  sich  begreiflicherweise  die  sachlichen  Träger  der
Leistung  in  den  Vordergrund,  die  „Güter“.  Schon  vom  Alltag  kann
man  sagen,  er  denke  über  die  Wirtschaft  gleichsam  in  Gütern.  Und
güterselig  denkt  nun  auch  die  Theorie,  offen  oder  verhohlen.  Mit  dem
einseitigen  Blick  auf  die  Güter  ordnet  sich  dann  auch  die  theoretische
Darstellung.  Der  sog.  „Kreislauf  der  Wirtschaft“  ist  einfach  ein  Kreislauf ­
  der  Güterschicksale:  das  Werden,  Wandern  und  Vergehen  der
Güter.  Daher  auch  die  Abschnitte,  die  „Lehren“  von  der  „Produktion,
Zirkulation,  Distribution  und  Konsumtion“  zum  eisernen  Schema  werden
für  die  durchschnittlichen  Systeme  unserer  Theorie.  Im  ganzen  ist  so
aus  dem  Wirtschaftsleben  als  Tatbestand  ein  „Güterleben“  als  Redensart ­
  geworden.
Wie  geistvoll  und  scharfsinnig  auch  diese  Systeme  der  Nationalökonomie ­
  als  Güterlehre  gelegentlich  ausfallen,  man  fühlt  es  längst
heraus,  daß  da  etwas  nicht  stimmt,  daß  sich  die  Wissenschaft  dabei
selber  etwas  schuldig  bleibe.  Aber  wohin  treibt  diese  Empfindung?
Sehr  früh  schon  zur  Forderung,  auch  unsere  Wissenschaft  müsse  auf
„Gesetze“  hinarbeiten,  als  Krönung  aller  Theorie.  Man  will  eben  das
praktische  Handeln  über  die  „Naturgesetze  der  Wirtschaft“  aufklären.
Sehr  gut.  Z.  B.  also  gleich  das  berühmte  „Gesetz  von  Angebot  und
Nachfrage“.  Der  Politiker,  der  Gesetzgeber  mag  sich  dagegen  noch
so  oft  und  stark  versündigen,  mit  plumper  und  einseitiger  „Höchstpreis-Festsetzung“ ­
  und  ähnlichem;  aber  jeder  kaufmännische  „Stift“
kann  schon  am  dritten  Tage  seines  Amtsantritts  zum  Newton  dieses
„Gesetzes“  werden.  Er  haspelt  sich  die  Sache  an  den  fünf  Fingern  ab.
Dieses  sog.  „Gesetz“  ist  ja  nur  die  idealtypische  Aufrollung  eines
völlig  durchsichtigen  Zusammenhanges,  der  hiermit  nur  ein  für  allemal
auf  eine  bündige  Formel  gebracht,  gleichsam  also  auf  Lager  gedacht
            
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