Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

46  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

lungen  in  der  Regel  zu  spät,  weil  nachher  nicht  eine  neue  Käuferschicht ­
  zu  finden  ist,  und  viele  der  jetzt  begehrten  Papiere  dann  oft
sogar  zu  stark  reduzierten  Preisen  schwer  anzubringen  sein  dürften“.
Das  Jahr  1900  sah  dann  auch  diesen  Umschwung  der  Konjunktur ­
  in  einer  solchen  Schärfe  und  einem  solchen  Ausmaße  eintreten,
daß  man  in  dem  oben  dargelegten  Sinne  durchaus  von  einer  Wirtschaftskrise ­
  sprechen  kann.  Einige  knappe  Zahlen  sollen  diesen
Umschwung  charakterisieren.

Es  betrug  in  den  Jahren

1899

1900

1901

1902

Die  Zahl  d.  Eheschließungen  auf  1000  Einwohner

8.5

8,5

8,2

7  9
107474

Die  Steinkohlenproduktion  in  1000  Tonnen  .  .

101640

109220

108539

Die  Roheisenproduktion  in  1000  Tonnen  .  .  .

8094

8470

7833

8485

Der  Preis  einer  Tonne  Roheisen  in  Mark  .  .  .
Die  Produktion  in  den  Schweißeisenbetrieben

55,62

64,32

62,15

53,16

Wert  in  Millionen  Mark
Von  den  Ausgaben  d.  freien  Gewerkschaften  ent-177,7



170,5

119,5

114,7

fielen  in  Prozenten  auf  Arbeitslosenunterstützg.

5

6

14

16

Die  Zahl  der  neuangemeldeten  Konkurse  .  .
Der  Güterverkehr  auf  den  vollspur.  Eisenbahnen

7742

8558

10569

9826

in  Millionen  tkm

32098

33660

31921

33200

An  den  allerverschiedensten  Merkmalen  also,  die  sich  noch
leicht  vermehren  ließen,  sieht  man,  wie  mit  der  Jahrhundertwende
die  gute  Konjunktur  abbricht  und  einer  Depression  Platz  macht.
Fast  überall  gingen  die  Erträge  der  industriellen  Unternehmungen
zurück,  es  fanden  große  Arbeiterentlassungen  statt,  Teile  von  industriellen ­
  Anlagen  mußten  mehr  oder  weniger  außer  Betrieb  gesetzt
werden,  zahlreiche  Unternehmungen  brachen  zusammen.
Mit  dem  Jahre  1902  begann  sich  dann  di©  Lage  bereits  wieder
leicht  zu  bessern  und  in  den  beiden  folgenden  Jahren  machte  diese
Besserung  weitere  und  stärkere  Fortschritte.  Wenn  diese  Krise  relativ ­
  leicht  und  schnell  überwunden  werden  konnte,  so  hing  dies  vor
allem  auch  damit  zusammen,  daß  in  den  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  die  wirtschaftliche  Lage  eine  günstige  blieb.  Damit  war  für
die  deutsche  Industrie  die  Möglichkeit  gegeben,  in  diesen  Jahren
den  Absatz  ihrer  Erzeugnisse  auf  dem  amerikanischen  Markte  auszudehnen, ­
  auch  in  den  Zeiten,  als  selbst  bei  sinkenden  Preisen  ihre
Erzeugnisse  in  Deutschland  schwer  Abnehmer  finden  konnten.  Wie
wir  später  noch  sehen  werden,  lassen  sich  diese  Zusammenhänge
an  den  Daten  der  deutschen  Handelsstatistik  deutlich  erkennen.
In  diesen  Krisenjahren  nahm  die  Ausfuhr  an  Fabrikaten  aus  Deutschland ­
  erheblich  zu,  während  die  Einfuhr  an  Rohstoffen  für  Industriezwecke ­
  sehr  stark  zurückging.  Während  noch  im  Jahre  1899  der
Überschuß  der  Fabrikatausfuhr  über  die  Einfuhr  an  Industrie ­
            
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