Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

52  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Es  wurde  oben  ausdrücklich  etwa  gesagt,  weil  es  sich  bei
einer  solchen  Reihe  doch  nur  um  eine  ziemlich  rohe  Aufeinanderfolge
handeln  kann.  Weder  waren  die  Perioden  der  günstigen  Konjunktur
und  Depression  in  sich  irgendwie  gleichartig  und  vergleichbar,  noch
lassen  sie  sich  auch  ohne  weiteres  in  solch  glatten  Jahresperioden
zeitlich  gegeneinander  ahgrenzen.  Die  Einteilung  nach  Jahren  bildet
ein  höchst  rohes  Verfahren,  um  den  Ablauf  der  Konjunkturen  zeitlich
zu  charakterisieren.  Handelt  es  sich  doch  hier  um  Zustände  des  Wirtschaftslebens, ­
  die  häufig  ineinander  übergehen,  ohne  daß  es  dabei
möglich  wäre,  einen  scharfen  und  glatten  Schnitt  an  dem  Punkte  zu
ziehen,  an  dem  die  eine  Periode  anfängt  und  die  andere  aufhört.
Bei  der  Betrachtung  der  Symptome  und  Merkmale  der  verschiedenen
Konjunkturen  werden  wir  später  von  dieser  Einteilung,  so  mangelhaft ­
  sie  auch  unter  den  eben  dargelegten  Gesichtspunkten  ist,  Gebrauch ­
  zu  machen  haben,.
3.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.
Es  ist  schon  mit  Recht  hervorgehoben  worden,  daß  die  Konjunkturverhältnisse ­
  während  und  nach  dem  Kriege  einen  ganz  einzigartigen ­
  Charakter  aufweisen  und  daß  sich  wirtschaftlicher  Aufschwung ­
  und  wirtschaftlicher  Niedergang  in  dieser  Zeit  nach  keiner
Richtung  hin  mit  den  entsprechenden  Verhältnissen  der  Vorkriegszeit
vergleichen  lassen.  Es  wird  eine  der  Hauptaufgaben  der  folgenden
Zeilen  sein,  auf  diese  Unterschiede  einzugehen  und  auf  das  einzigartige ­
  dieser  neuesten  Entwicklung  der  Konjunktur  hinzuweisen.  Es
ist  dabei  wesentlich  einfacher,  dies  für  die  Zeit  während  des  Krieges,
welche  abgeschlossen  hinter  uns  liegt,  als  für  die  Nachkriegszeit  zu
tun.  Denn  für  diese  Zeit  nach  dem  Kriege  ist  noch  alles  im  Flusse
und  die  sehr  verwickelten  Zusammenhänge  lassen  sich  hier  noch  keineswegs ­
  an  allen  Punkten  mit  der  genügenden  Klarheit  überschauen.
Befrachten  wir  zunächst  kurz  die  Konjunktur  während
des  Krieges.  Es  ist  bekannt  und  braucht  deshalb  an  dieser  Stelle
nicht  mit  Zahlen  belegt  zu  werden,  daß  während  des  Krieges,  ganz
besonders  aber  auch  in  Deutschland,  nach  gewisser  Richtung  hin
eine  ausgesprochene  Hochkonjunktur  geherrscht  hat.  Von  einzelnen
Industriezweigen  abgesehen,  haben  in  dieser  Zeit  im  allgemeinen
die  Unternehmergewinne,  Dividenden,  Aktienkurse  und  Löhne  eine
ganz  erhebliche  Steigerung  erfahren.  Ist  man  doch  sogar  so  weit  gegangen, ­
  den  recht  merkwürdig  klingenden  Satz  auszusprechen:  „Der
Krieg  ist  vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkt  aus  eine  Hochkonjunktur“!). ­
  Trifft  dieses  zu?

D  Manns  tae  dt,  Hochkonjunktur  und  Krieg.  Jena  1917.
            
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