Full text: Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels 1868-1883 / [hrsg. von D. Rjazanov] (Abt. 3, Briefwechsel, Bd. 4)

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(1446) 1875 Aug. 21 
Neben diesen weisen natives saßen aber auch zwei Berliner swells, 
Referendarien oder dergleichen. Die stritten über die Vorzüge des 
Kaffees in den verschiednen berühmten Karlsbader Restauratio- 
nen, und der eine versicherte mit feierlichem Ernst: Es ist sta- 
tistisch (!) erwiesen, daß der Kaffee im Garten von Schön- 
brunnen der beste ist. Dazwischen schrie ein native: Unser Böhmen 
ist doch groß, leistet Großes. Sein Pilsener Bier wird in alle 
Lande verschickt; in Paris hat der große Brauer Salzmann jetzt 
eine Filiale, es geht auch nach Amerika! Leider können wir unsre 
großen Felsenkeller ihnen nicht mitschicken, und die gehören zum x 
Pilsener! 
Nachdem ich Dir nun meine bis jetzt hier neu gewonnenen Ein- 
sichten in das Weltgetriebe in nuce mitgeteilt, einiges über meine 
Reiseerlebnisse. 
In London stieg in unsren wagon in großer Hast ein pfiffig aus- z 
sehendes Jüdel, mit einem kleinen Koffer unter dem Arm. Kurz 
vor Harwich sucht er nach Schlüsseln, um seinen Koffer zu öffnen 
und zu sehn, wie er sagt, ob sein Comptoirbursche das nötige Klei- 
derzeug eingepackt. „Denn ich bekam“, sagte er, „im Comptoir 
von meinem Bruder aus Berlin Telegramm, sofort abzureisen nach 2 
Berlin, schickte also den Burschen nach meinem Haus, um den 
nötigen Kram zu holen“. Nach vielem Hin- und Hersuchen findet 
er endlich, zwar nicht den wahren Schlüssel, aber doch einen 
Schlüssel, der öffnet, und entdeckt, daß Hose und Rock nicht zu- 
sammengehören, daß Nachthemden, Überrock etc. fehlen. Auf % 
dem Schiff eröffnet mir das Jüdel sein Herz. „So eine Betriegerei 
ist noch nicht in der Welt gewesen,‘ rief er aber und abermals. 
Die Geschichte war die: Ein deutscher Yankee Namens Börn- 
oder Bernstein, ihm empfohlen von seinem Berliner Freund Neu- 
mann, hat ihn um 1700 £ geprellt, ihn, der für einen der Ge- z 
scheitesten Handelsleit gilt! Dieser Bursche, der angeblich afri- 
kanischen Handel treibt, zeigte ihm Rechnungen vor für viele 
1000 £ Waren, die er in Bradford und Manchester gekauft bei 
den ersten Häusern; das Schiff damit liegt in Southampton. Er 
gab ihm darauf den verlangten Vorschuß. Da er aber weiter nichts 3 
von dem Mann hört, wird’s ihm bang. Er schreibt nach Man- 
chester und Bradford, zeigt mir auch die Antwortsbriefe, des 
Inhalts: Der Börnstein habe bei ihnen Muster genommen und 
Waren gekauft, der Preis für beide sollte bei Abnahme der 
Waren gezahlt werden; die Rechnungen waren nur formell; x 
Waren nie abgenommen worden. In Southampton wird Beschlag 
belegt und findet sich, daß die verschifften Waren des B[örnstein] 
nur aus Ballen bestehn, die mit Strohmatrazen gefüllt sind. Unser 
Jüdel, den außer den 1700 £ noch vor allem ärgerte, daß man 
sinen so geriebnen Handelsmann über’s Ohr gehauen. schrieb an # 
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