Full text : Die Kaufkraft des Geldes

180

X.  Kapitel.

Wir  sehen  also,  daß  der  Versuch,  einen  Nützlichkeits  -  oder  Arbeitsmaßstab ­
  aufzustellen,  zu  hohe  Ansprüche  stellt,  um  ausführbar  zu  sein 1 ).
Wir  sollten  uns  damit  zufrieden  geben,  in  dem  Maßstab  aufgeschobener
Zahlungen  das  Maximum  erreichbarer  Vervollkommnung  zu  erzielen,  ohne
daran  zu  denken,  eine  ideale  Verteilung  der  „Segnungen  des  Fortschrittes“ ­
  sicherzustellen.
Unser  Problem  wird  auch  vereinfacht,  wenn  wir  im  Auge  behalten,  daß
unser  Ideal  in  erster  Reihe  nicht  in  der  Beständigkeit,  sondern  vielmehr  in
der  Zuverlässigkeit  des  Dollars  besteht.  Schwankungen,  die  vorauszusehen
sind  und  auf  die  Rücksicht  genommen  werden  kann,  verursachen  keinen
Schaden.  Man  kann  wohl  erwarten,  daß  jedermann  das  Risiko  für  die  Veränderungen ­
  trägt,  die  in  seinem  eigenen  Vermögen,  in  der  Nützlichkeit  und
Arbeit  sowie  vielleicht  auch  selbst  in  weitem  Umfange  infolge  der  allgemeineren ­
  Wirkungen  der  Erfindungen  und  des  Fortschrittes  eintreten  können.
Auf  jeden  Fall  sollte  niemand  erwarten,  daß  er  durch  die  Beschaffenheit
der  Geldeinheit  gegen  jeden  Windstoß  gesichert  ist.
Die  Art  und  Weise,  in  der  jede  Person  derartige  von  ihr  vorauszusehende
zukünftige  Veränderungen  berücksichtigt,  besteht  in  der  Anpassung  der  Höhe
von  Anleihen,  die  sie  gibt  oder  aufnimmt,  und  des  Zinsfußes  dieser  Anleihen.
Wenn  das  Durchschnittseinkommen  steigt,  so  kann  der  Entleiher  eine  größere
Rückzahlung  erschwingen,  und  der  Darleiher  kann  sodann  mehr  erhalten,
während  bei  einem  Fallen  des  Durchschnittseinkommens  der  gezahlte  Betrag ­
  geringer  sein  sollte.  Tatsache  ist,  daß  dies  die  Tendenzen  in  Fällen
sind,  in  denen  das  Steigen  oder  Fallen  des  Durchschnittseinkommens  vorauszusehen ­
  ist.  Wenn  sich  das  Durchschnittseinkommen  erhöht,  so  ist  der
Darleiher  weniger  darauf  bedacht,  sein  gegenwärtiges  und  verhältnismäßig
dürftiges  Einkommen  zu  erschöpfen,  um  sein  zukünftiges  Einkommen  zu
erhöhen,  das  er  wahrscheinlich  ohnehin  zunehmen  sieht.  Eine  zunehmende
Prosperität  (unter  der  nicht  eine  große,  sondern  eine  wachsende  Prosperität
zu  verstehen  ist)  hat  also  die  Tendenz,  das  Angebot  für  Anleihen  einzuschränken. ­
  Gleichzeitig  ist  sie  auf  eine  Erhöhung  der  Nachfrage  gerichtet,
wodurch  der  Zins  erhöht  wird.  Umgekehrt  trägt  ein  abnehmendes  Durchschnittseinkommen ­
  zu  einer  Erniedrigung  des  Zinses  bei  *  2 ).
Alle  die  vorstehenden  Tatsachen  treten  nur  dann  ein,  wenn  das  Steigen
oder  das  Fallen  des  Einkommens  vorausgesehen  wird;  wenn  dies  nicht  der
*)  Vgl.  Charles  A.  Conant,  The  Principles  of  Money  and  Banking,  Bd.  II,  Kap.  VII.
2 )  Rate  of  Interest,  S.  95—98  und  304—306.  Diese  Stellung  wird  von  Correa  Moylan
Walsh  in  The  Fundamental  Problem  in  Monetary  Science  genommen,  New  York  (Macmillan),
1903,  S.  345,  Fußnote.
            
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