Object: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

228 Sechstes Buch. Drittes Kapitel. 
Sed non exemplum quisquam wihi praebuit horum, 
Nec scribenda prius scripti docuere libelli. 
Freilich dieselbe Hrotsuit hat die Thaten Ottos in Deutsch⸗— 
land, ganz im Gegensatz zu Widukind, doch nur als Vorberei⸗ 
tung zur Kaiserkrönung angesehen, und Zweifünftel der gesamten 
Ausdehnung ihrer lückenhaft überlieferten Gesta Oddonis be— 
handeln zwei Jahre, deren Schauplatz Italien ist. Hrotsuit 
war eben nicht bloß Geschichtsschreiberin im Sinne der Legende; 
als Dichterin steht sie auf einem Höhepunkt der ottonischen 
Renaissance, und immerhin noch anders, als die Geschichts— 
schreibung, hielt die Dichtung fest an den Grundlagen der 
klassischen Überlieferung. 
Schon die Thatsache, daß Hrotsuit hauptsächlich als drama— 
tische Dichterin bekannt ist, besagt das zur Genüge. Wer hätte 
vom deutsch-nationalen Standpunkt des 10. Jahrhunderts schon 
an Dramen denken können! Jahrhunderte sollten noch vergehen, 
ehe ganz andere, viel höhere Kulturinteressen den Deutschen 
dramatische Stimmung schufen. Hrotsuit aber schrieb ruhig, 
ganz in den antikisierenden Strömungen der Renaissance be— 
fangen, ihren Abraham und ihren Paphnutius, ihrer minder 
bedeutenden Dramen nicht zu gedenken. 
Freilich blieb sie auch hier doch ein Kind ihrer Zeit. Ihre 
Dramen sind nur Erzählungen in dramatischer Form, wie sie 
ähnlich später der Reichenauer Mönch Purchard in seinen Thaten 
Abt Witigowos, Wipo im Tetralogus (1041), in gewissem 
Sinne auch Hermann in seinem Lehrgedicht De octo vitiis 
principalibus mit steigendem Erfolge verwendet haben. Die 
Kunst der Hrotsuit hielt sich in der Mitte zwischen der Form 
des altdeutschen Heldengesangs und der Art der terenzianischen 
Komödien, deren Anregungen sie bei Abfassung ihrer Stücke 
zunächst folgte. Ihr Ziel war auch keineswegs der dramatische 
Effekt als solcher; sie hatte nur moralische Absichten und kam 
zum Drama nur, um ein Gegengift gegen den obseönen Terenz 
zu schaffen: „auf daß die preiswürdige Keuschheit heiliger Jung⸗ 
frauen in derselben Dichtungsart gefeiert werde, in der bisher 
nur häßliche Ausschweifung wollüstiger Weiber vorgetragen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.