Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Adam Smith. 
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sich daher auf die Menschen als Masse und nicht auf dieses oder jenes, 
besonders herausgegriffene Individuum beziehen. — Sicherlich leugnet 
Smith nicht, daß der Mensch sein wirkliches Interesse verkennen oder 
in Unkenntnis darüber sein kann. Soeben führten wir eine charakte 
ristische Stelle an, wo er dies buchstäblich in Hinsicht auf die Bankiers 
versichert, die manchmal zuviel Noten ausgeben, und so ihren eigenen 
Vorteil mißverstehen. 
Unter diesen Vorbehalten aber, und auch, wenn man alle die Ab 
schwächungen, die Smith selbst seinem Prinzip zugesteht, in Betracht 
zieht, bleibt es wahr, daß er als allgemeine These „das natürliche Streben 
eines jeden Menschen, seine Lage zu verbessern“, das „Selbstinteresse 
— wir sagen nicht Egoismus! — als -den grundlegenden psychologischen 
Faktor in der Volkswirtschaft hinstellt. Und sobald man ihm von Ge 
schäftsleuten spricht, die als Richtschnur ihres Verhaltens das Allgemein 
interesse nehmen wollen, antwortete er mit einem Skeptizismus, dem 
plan sich kaum entziehen kann: „Ich habe niemals gesehen, daß die 
jenigen viel Gutes bewirkt hätten, welche die Miene annahmen, für das 
allgemeine Beste Handel zu treiben. Es ist indes diese Affektion unter 
Kaufleuten auch nicht sehr häufig, und es bedarf nur weniger Worte, 
sie davon abzubringen“ 1 ). Damit soll nicht gesagt sein, daß das Gefühl 
nicht eine Rolle, sogar eine bedeutende Rolle in der Philosophie Smith’s 
s Pielt, aber das Gefühl, oder wie er sagt, die Sympathie hat ihr eigenes 
Keich, die Welt der Moral, während in der wirtschaftlichen Welt der 
Kutzen herrscht. 
Wir können daher den letzten Grundgedanken Smith’s dahin zu- ^ 
sammenfassen, daß eine selbsttätige wirtschaftliche Ordnung besteht, 
die durch das Selbstinteresse des Einzelwesens begründet ist und er-. 
halten wird. 
Es ist interessant, diese Auffassung mit der der natürlichen und 
Wesentlichen Gesellschaftsordnung, wie sie die Physiokraten aufstellten, 
zu vergleichen. Für diese ist die natürliche Ordnung ein ideales System, 
eine ideale Ordnung: nur ein Genie hat sie entdecken können, ein auf 
geklärter Despotismus muß sie ausführen. Für SmIth ist die selbsttätige 
Ordnung eine Tatsache. Sie ist nicht erst zu schaffen, sie besteht schon 
beute. Sie wird allerdings durch „hundert arge Hindernisse , die sich 
aus der „Torheit der menschlichen Gesetze“ 2 ) ergeben, gehemmt, trotz 
dem aber setzt sie sich durch. Unter all dem gekünstelten der Gesellschafts- 
Verfassung gibt es schon heute eine natürliche Verfassung, die jene 
beherrscht. Diese natürliche Verfassung ist für die Physiokraten noch 
9 Völkerreichtum II, S. 17, B. IV, Kap. II. Nachdem er soeben gesagt hat: 
’>"erfolgt er sein eigenes Interesse, so befördert er das der Nation weit wirksamer, als 
Wenn er dieses wirklich zu befördern die Absicht hätte.“ 
2 ) Völkerreichtum II, S. 69, B. IV, Kap. V.
	        
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