Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Bald sieht er darin ein Mittel, das einem Lande gestattet, den Über 
schuß seiner Produktion auszuführen: indem die fremden Völker ein 
erweitertes Absatzgebiet darbieten, bewirken sie eine größere Arbeits 
teilung in dem Ausfuhrlande und infolgedessen eine verstärkte Pro 
duktionsfähigkeit 1 ). — Man kann aber fragen, weshalb, anstatt über 
flüssige Gegenstände herzustellen, die ausgeführt werden müssen, 
das Land nicht eher selbst die Gegenstände herstellt, die es einführen 
muß? 
Bald stützt sich Smith, um z-, . iweisen, daß beide austauschenden 
Völker notwendigerweise am internationalen Handel ihren Vorteil 
finden müssen, auf die Tatsache, daß die Kaufleute beider Länder 
mnen Profit erzielen, und der Profit, der einen tauschbaren Wert vor 
teilt, erhöht die Summen der tauschbaren Werte. Hierauf antwortet 
Ricardo mit Recht, daß der Profit eines Kaufmannes nicht not- 
Wenigerweise die Menge der Gebrauchsgüter in einem Lande vermehrt. 
Wiederum ist Smith hier, wie schon den Physiokraten gegenüber, 
unbewußt dem Einfluß seiner eigenen Gegner unterlegen. Er hat den 
Merkantilismus noch nicht genügend abgestreift, um sich nicht vor allen 
Ringen mit dem Interesse der Produzenten zu befassen. Daher findet 
m an bei dem großen Gelehrten ausgezeichnete Beweisführungen neben 
bestreitbaren Gesichtspunkten. Der Widerspruch scheint ihm selbst 
nicht klar geworden zu sein. Alles drängte mit unwiderstehlicher Ge 
walt nach einer freieren Politik. Diese Strömung war viel zu mächtig, 
Ms daß ihre Zeitgenossen in der Lage gewesen wären, Satz für Satz jeden 
Veil der These Smith’s zu untersuchen. Es genügte ihnen, bei ihm eine 
glühende Verteidigung zugunsten eines verführerischen Zieles zu finden. 
Mehr als einmal haben wir schon auf die genau abwägende Bedacht- 
samkeit Smith’s in der Anwendung seiner Grundsätze hingewiesen. Auch 
hier müssen wir sie nochmals hervorheben. 
Theoretisch Anhänger des absoluten Freihandels, unterläßt er es 
uicht, bei der praktischen Anwendung dieser Politik Einschränkungen 
?ü machen, die sein gesunder Menschenverstand ihm aufdrängt. „Die 
Hoffnung zu hegen“, sagt er, „daß die Handelsfreiheit in Großbritannien 
jemals vollkommen hergestellt werde, ist freilich ebenso töricht, als wenn 
man erwarten wollte, daß hier einmal eine Oceana oder ein Utopien zu 
stande kommen werde. Dem stehen nicht nur die Vorurteile des Publi 
kums, sondern, was noch weit unbezwinglicher ist, die Privatinteressen 
üaß die Bevölkorung und Industrie des Landes zu keiner Zeit höher steigen soll, als 
as Rohprodukt des eigenen Bodens sie erhalten kann“ (II, S. 21, B. IV, Kap. II). — 
stellt sich daher stets auf diesen Standpunkt des Bevölkerungs- und Arbeitswachs- 
ums und nicht auf den des Verbrauches. 
l ) Völkerreichtum I, S. 219, B. II, Kap. V. — Vgl. II, S. 12, B. IV, Kap. I.
	        
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