Kapitel II. Adam Smith.
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§ 4. Einfluß und Verbreitung der Gedanken A. Smith’s.
J.-B. Say.
Das Losungswort des 18. Jahrhunderts war Vereinfachung. Die
Auffassung, die Smitii uns vom Wirtschaftsleben gibt, ist ein bewunderungswürdiges
Beispiel davon. Hierin liegt ihr Beiz und die Gewalt,
die sie auf die Zeitgenossen ausübte. Das System der natürlichen
Freiheit, das das philosophisch-politische Streben jener Zeit erfüllte,
schien sich hier mit so starker Beweiskraft aus der menschlichen Natur
zu ergeben, und wurde mit einer solchen Fülle übereinstimmender Tatsachen
vorgetragen, daß kein Zweifel an seiner Richtigkeit mehr möglich
War, Noch heute sind wir nicht imstande, uns seinem Zauber zu entziehen.
Sollte, was wir nicht glauben, ein Tag kommen, an dem von den
Gedanken A. Smith’s nichts mehr übrig bliebe, so würde doch sein Werk
als das gewaltigste Monument einer der bedeutendsten Epochen der
volkswirtschaftlichen Forschung bestehen bleiben. Stellt es doch den
Prächtigsten Versuch dar, in einem einzigen harmonischen Überblicke
die unendliche Mannigfaltigkeit des wirtschaftlichen Lebens zu erfassen.
Aber in dieser Vereinfachung liegt gleichzeitig seine Schwäche.
Gm sie zu erreichen, hat Smith mehr als eine Tatsache übergehen müssen,
die sich seinem Systeme nicht einfügen ließ. Auch war er gezwungen,
^vollständige und ungenügende Mittel zu verwenden. Was besteht
aeute noch von vielen der Einzeltheorien, die sein Werk anfüllen, wie
yeistheorie, Lohntheorie, Theorie des Profites und der Rente, Theorie
dber den internationalen Handel oder über das Kapital? Jede ist verbessert,
überflügelt oder bestritten worden. Und im Maß, wie Teile des
Gebäudes verfielen, erschien das Ganze immer weniger standfest. Gleichzeitig
ergaben sich neue Gesichtspunkte, die Smith anscheinend zu wenig
beachtet hatte. An Stelle des wohltuenden Eindruckes der Einfachheit
aad Sicherheit, den die Nationalökonomen am Anfang des 19. Jahrunderts
aus dem Werk Smith’s empfingen, drängte sich ihren Nachfolgern
an gsam das Bild der stetig steigenden Verwicklung der Tatsachen auf.
Wenn wir hier eine Kritik Adam Smith’s einfügen wollten, so würde
as auf eine Darstellung der Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehren
es 19. Jahrhunderts hinauslaufen, und damit den übrigen Inhalt dieses
l) ches vorwegnehmen. Ein schöneres Lob seines Werkes läßt sich kaum
^onken. Die Geschichte der nationalökonomischen Ideen hat sich ein
ganzes Jahrhundert hindurch nicht von seinem Werke lösen können.
Anhänger und Feinde haben es gleichmäßig zum Ausgangspunkt ihrer
Untersuchungen gemacht. Die einen haben es weiterentwickelt, fort-.ührt
und verbessert, die anderen haben hartnäckig und verbissen
Uh 16 G run( igodankcn bekämpft. Alle haben aber in stillschweigender
ereinstimmung anerkannt, daß die Wissenschaft der Nationalökonomie