Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

112

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

mit  ihm  begonnen  hat,  und  daß  es  nutzlos  sei,  hinter  ihn  zurückzugehen.
Wie  sein  französischer  Übersetzer,  Garnier,  sagt,  bedeutet  sein  Buch
„eine  vollständige  Umwälzung  der  Wissenschaft“ 1 )-  Noch  heute,  obgleich ­
  uns  der  „Völkerreichtum“  nicht  mehr  als  eine  erschöpfende
wissenschaftliche  Abhandlung  über  Nationalökonomie  gilt,  bleiben  ge -
wisse  seiner  Grundgedanken  unbestreitbar:  seine  Theorie  des  Geldes,
die  Bedeutung  der  Arbeitsteilung,  die  grundsätzliche  Rolle  der  spontanen ­
  wirtschaftlichen  Tatsachen,  der  beständige  Einfluß  des  persönlichen ­
  Interesses  auf  das  wirtschaftliche  Leben,  Freiheit  als  Basis  einer
rationellen  Wirtschaftspolitik,  alle  diese  Gedanken  erscheinen  uns  als
dauernder  Erwerb.
•  Die  Unvollkommenheiten  des  Werkes  Smith’s  werden  sich  ganz
natürlich  aus  den  folgenden  Kapiteln  ergeben.  Wir  brauchen,  um  die
Darstellung  seiner  Lehre  zu  vervollständigen,  nur  noch  auf  ihre  Verbreitung ­
  in  der  Welt  einzugehen.
Die  rapide  Ausbreitung  und  der  unbestrittene  Sieg  der  Gedanken
Smith’s  in  Europa  ist  eine  der  merkwürdigsten  Tatsachen  in  der  Geschichte ­
  der  Ideen.  Einer  seiner  Zeitgenossen  hat  von  ihm  gesagt:
„Smith  wird  die  jetzige  Generation  überzeugen  und  die  folgenden  beherrschen“ ­
 2 ).  Die  Geschichte  hat  ihm  recht  gegeben.  Es  würde  aber
übertrieben  sein,  den  Triumph  seiner  Ideen  allein  dem  Einflüsse  seines
Buches  zuzuschreiben.  Die  Ereignisse  haben  zum  großen  Teile  dabei
mitgewirkt.
Mit  Recht  stellt  Mantoux  fest,  daß  der  Krieg  in  Amerika  weit  mehr
als  die  Schriften  Smith’s  die  Hinfälligkeit  der  alten  Wirtschaftspolitik
bewies  und  ihren  Verfall  beschleunigte 3 ).  Aus  dem  Abfall  der  amerikanischen ­
  Kolonien  ergaben  sich  zwei  Tatsachen;  erstens  die  Gefahre«
eines  Kolonialsystems,  das  die  blühendsten  Kolonien  zum  Aufstand
trieb,  und  zweitens  das  Nutzlose  des  Schutzzollsystems;  denn  der  Güteraustausch ­
  zwischen  England  und  den  Vereinigten  Staaten  war  sogleieh
nach  dem  Unabhängigkeitskrieg  bedeutender  denn  je  zuvor.  „Der  Schaden,
den  England  durch  den  Verlust  seiner  nordamerikanischen  Kolonien
erlitten  hat“,  schreibt  J.-B.  Say  im  Jahre  1803,  „ist  ein  Gewinn  für  das
Mutterland  gewesen.  Einen  Zweifel  an  dieser  Tatsache  habe  ich  nirgends
gefunden“ 4 ).  Dem  amerikanischen  Kriege  schlossen  sich  kurz  daranl
andere  Umstände  an:  die  zwingende  Notwendigkeit,  Absatzwege  zü
finden,  in  der  sich  nach  Beendigung  der  napoleonischen  Kriege  die  eng'

0  Vorwort  zu  der  franz.  Übersetzung;  Ausg.  1821,  S.  69.  eS
«)  j.  Rae:  Life  of  A.  Smith,  S.  103.  Übrigens  kennt  man  den  Urheber  a
berühmten  Satzes  nicht.  ,  ,  .  „  „  „„  TT  ....  ,  .  „  „} e ,ich en
3 )  Mantoux,  La  rövolution  industrielle,  S-  83.  ^Halsyy  fuhrt  ...  a us-Gedanken
  in  seinem  Buch:  „La  Jeunesse  de  Bentham  -,  S.  193  (Paris  ’
*)  J.-B.  Say,  TraitS,  1  Ausg.,  S.  240.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.