Kapitel II. Adam Smith.
117
Er gelangte zu europäischer Berühmtheit, und mit ihm eroberten
nach und nach die Gedanken Smith’s, die er in logischem Auf
bau klargestellt und auf einige allgemeine Grundprinzipien zurück
geführt hatte, aus denen sich die Folgerungen von selbst ergaben, die
ganze aufgeklärte öffentliche Meinung.
Man würde aber J.-B. Say Unrecht tun, wenn man in ihm nur einen
Vulgarisator der SMiTn’schen Ideen sehen wollte. Zwar hat er selbst
mit mutiger Bescheidenheit niemals das, was er dem Meister verdankte,
verheimlicht. Überall nennt er seinen Namen. Aber er begnügt sich
flicht damit, seine Gedanken zu wiederholen. Er denkt sie von Neuem
durch, sichtet sie, und entwickelt sie weiter, indem er sie schärfer faßt.
Unter den verschiedenen Wegen, denen Smith in seinen Gedankengängen
•abwechselnd, und oft ohne feste Entscheidung folgt, gelingt es dem fran
zösischen Nationalökonomen, diejenigen zu vermeiden, die blind enden,
und den einen einzuschlagen, der zum Ziele führt. Diesen Weg zeichnet
•er dann mit solcher Genauigkeit vor, daß seine Nachfolger sich nicht
ftiehr verirren können. Er filtriert sozusagen die Ideen seines Meisters;
«nd zu gleicher Zeit gibt er ihnen jene besondere Färbung, die für so
lange Zeit der französischen Nationalökonomie ihr eigenes Gepräge gab,
gegenüber der englischen volkswirtschaftlichen Wissenschaft, der damals
Malthus und Ricakdo eine neue Richtung wiesen. Im Werke Say’s
interessiert uns weniger das, was er Smith entlehnt hat, als seine eigene^
Beiträge. Im folgenden versuchen wir sie darzustellen.
1. Vor allem vollendet Say die Niederlage der physiokratischen
Ideen.
Das war nicht unwesentlich. Die Anhänger der sogenannten „Sekte“
Waren in Frankreich noch zahlreich vorhanden. Selbst Gebmain
Gakniek, der Übersetzer des Buches Smith’s, hielt die Lehre der
Physiokraten theoretisch für unwiderlegbar. In seinen Augen be
stand die Überlegenheit des schottischen Nationalökonomen nur in
^rer Anwendung auf die Praxis. „Wohl kann man,“ sagt er, „die
Theorie der Ekonomisten als weniger nützlich, aber sicherlich nicht
als falsch verwerfen“ 1 ). Smith selbst hat, wie wir wissen, sich nicht
w>n ihrem Einfluß frei machen können. Er gab noch eine besondere
Produktivität des Bodens auf Grund der Mitarbeit der Natur zu. Er
aannte die Arbeit des Arztes, des Richters, des Rechtsanwaltes oder ;
ües Künstlers unproduktiv. Say löst auch diese letzten Verbindungen.
»Nicht nur in der Landwirtschaft, sondern überall wird die Natur ge- j
zwungen, zusammen mit dem Menschen zu arbeiten“ 2 ), und er will, I
daß man unter „Grundbesitz“ alle Beihilfe verstehe, die ein Volk aus
) Franz. Übers. A. Smith’s von Gakniek, 1802, Bd. V, S. 283.
! ) Traitö, Ausg. v. 1803, S. 39.