Kapitel III. Die Pessimisten.
gerecht werden können: nämlich der Pflicht, die dem Geschlechtstriebe
und dem Bedürfnis nach Liebe die uneingeschränkte Freiheit verbürgen
muß, wie sie die physiologischen und psychologischen Gesetze des Menschen
fordern; und der anderen, die vorschreibt, daß eine so grundwichtige
Handlung, wie die der Fortpflanzung, nicht dem Zufall überlassen werden
soll, und daß keinem Weibe eine so aufreibende Last, wie die der Mutter
schaft, ohne ihr freiwilliges und vorüberlegtes Wollen auferlegt werden
darf. Im Gegensatz zu der Lehre des Meisters erklären die Neomalthusianer
die „moralische Enthaltsamkeit“ für durchaus unmoralisch; weil sie
antiphysiologisch, durch christlichen Asketismus verseucht und schlimmer
sei, als das Übel, das sie heilen soll. Denn, sagen sie, die Entziehung der
Befriedigung des Geschlechtstriebes ist eine größere Qual, als die Ent
ziehung der Nahrung. Weiterhin wirkt sie durch die Vorschrift eines
obligatorischen Zölibats oder einer späten Heirat auf die Ausbreitung
der Prostitution, der Unzuchtsverbrechen, der unnatürlichen Laster
und der illegitimen Geburten hin. Die Neomalthusianer geben sich
jedoch als die Schüler Malthus’ aus und behalten seinen Namen bei 1 ),
weil sie ihm dafür dankbar sind, nachgewiesen zu haben, daß der
blinde Fortpflanzungstrieb notwendigerweise eine Menschheit erzeugt,
die der Krankheit, dem Elend, einem frühen Tode und sogar dem
Laster verfallen ist, und daß infolgedessen das einzige Mittel, diesen
beklagenswerten Ausgang zu verhindern, in der Regelung dieses In
stinktes liegt.
Die Annahme ist aber berechtigt, daß Malthus, wenn er heute
auferstände, nicht Neomalthusianer sein würde. Am wenigsten würde
er seinen Schülern verzeihen, den Präventivverkehr weniger zur Be
kämpfung der Gefahren einer Überbevölkerung anzuwenden, als um
Ausschweifungen zu begünstigen und den Geschlechtstrieb von Ver
pflichtungen zu befreien, die die Natur mit ihm so eng verbunden hat.
Dennoch könnte er sich nicht ganz von der Schuld entlasten, daß er ihnen
durch die Zugeständnisse, von denen wir schon gesprochen haben, den
Weg geebnet hat.
Ebensowenig scheint Malthus einen der leidigsten Punkte seiner
Lehre gefühlt zu haben, einen Punkt, der am stärksten d(jzu beigetragen
bat, sie zu diskreditieren: die Pflicht der Ehelosigkeit nämlich, die nicht
y on der der Keuschheit zu trennen ist, die Entbehrung der Freuden des
Familienlebens legt er nur dem Armen auf, — nicht dem Reichen 2 ),
l ) Das Datum des Entstehens des Neomalthusianismus kann man auf das Buch
des kürzlich verstorbenen (1909) Dr. Dkysdale (Elements of social Science,
1854) zurückführen. Aber erst im Jahre 1877 wurde in England die Malthusian
Jea gue gegründet. In den letzten Jahren hat die Bewegung so ziemlich überall —
besonders aber in Frankreich, wo sie wirklich überflüssig ist •
breitung gefunden.
2 ) Er sagt das ganz kategorisch: „Bei dem Armen muß man Gewohnheiten
Gide und Rist, Gesell, der Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 2. Aufl. 10
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