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Erstes Buch. Die Begründer.
denn dieser befindet sich stets in der von Malthus vorgeschriebenen
Lage, die laut seiner Definition allein die Zeugung von Kindern recht
fertigt. Ich weiß wohl, daß Malthus jenes harte Gesetz, „keine Kinder
in die Welt zu setzen, die man nicht ernähren kann“, gerade im Interesse
der Armen selbst aufstellt. Dies hindert aber nicht, daß hierdurch die
Ungleichheit ihrer Lage in der grausamsten Weise, die man sich denken
kann, hervorgehoben und unterstrichen wird. Er stellt sie vor die Wahl,
entweder Hunger zu leiden, oder auf die Befriedigung des natürlichen
Liebesbedürfnisses zu verzichten. Malthus räumt mit dem alten Lied:
„Raum ist in der kleinsten Hütte“ . . . gründlich auf! Hervorzuheben
ist aber, daß er jede gesetzliche Heiratsbeschränkung für Arme, wie sie
in einigen Ländern besteht, verwirft. Hier bleibt der liberale Volkswirt
schaftler sich selbst treu 1 ). Er sieht wohl, daß, auch unter Außeracht
lassung aller humanitären Rücksichten, dieses Verbot — ein Heilmittel,
schlimmer als das zu bekämpfende Übel — nur erreicht, daß an Stelle
der ehelichen Kinder die unehelichen zunehmen.
Wenn er den Armen zuruft, daß sie ihr Elend nur sich selbst ver
danken 2 ), weil sie keine Voraussicht geübt hätten, weil sie zu früh ge
heiratet und zu viele Kinder haben, und wenn er noch dazu ausführt,
daß kein geschriebenes Gesetz, keine Vorkehrung und keine Einrichtung
der Wohltätigkeit irgendwelche Hilfe bringen kann, so scheint ihm nicht
bewußt geworden zu sein, welchen bequemen Vorwand zur vollständigen
Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Arbeiter er damit den Be
sitzenden lieferte 3 ). Während des ganzen 19. Jahrhunderts versperrte
der Klugheit voraussetzen, die ihn davon abhalten, sich eher zu verheiraten, als bis
der Lohn seiner Arbeit genügt, ihn selbst, eine Frau und sechs Kinder ohne Unte'-
stützung zu ernähren.“ Damit ist die Ehe jedem Arbeiter untersagt, dessen Lohn
nicht ausreicht, eine Familie von acht Köpfen zu erhalten! In Anbetracht der er
bärmlichen Löhne, die die Arbeiter zur Zeit Malthus’ erhielten, verurteilte er damit
die ganze Arbeiterklasse entweder zur Ehelosigkeit oder zur Keuschheit!
q „Man hat mir vorgeworfen, ein Gesetz anregen zu wollen, das dem Armen
die Ehe verbietet. Das ist nicht wahr . . . Tatsächlich bin ich in der entschiedensten
Weise der Meinung, daß jedes positive Gesetz, durch das das Heiratsalter begrenzt
wird, ungerecht und unmoralisch ist.“
2 ) Wir wiederholen die Stelle, die wir schon angeführt haben, denn sie verdient
ganz besonders hervorgehoben zu werden: „Das Volk muß sich selbst als die Haupt
ursache seines Elendes betrachten“ (S. 500).
3 ) Die Thesen Malthus’ über die Wohltätigkeit sind sehr interessant und stehen
zu seiner Bevölkerungstheorie in direkter Beziehung. Er hat sich hauptsächlich mi
der praktischen Seite der Frage befaßt, auf die er großen Einfluß ausgeübt hat. H‘ IS
damals in England seit den Zeiten der Königin Elisabeth bestehende Gesetz über obli
gatorische Unterstützung hat er auf das heftigste angegriffen: „Besitzt es die Macht,
überall dort zwei Ähren hervorzubringen, wo der Boden nur eine trägt? Nein. Also gut
Als vor Zeiten Kanut der Große den Wogen befahl, vor seinen königlichen Füßen Hu
zu machen, maßte er sich keine größere Macht über die Naturgesetze an“ (S. 3b°h
Da die Unterstützung kein einziges Gut erzeugt, kann sie keinen einzigen Armen er