Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Kapitel  III.
Angriff  genommen  hätte.  Die  Eigentümer  der  Felder  Nr.  I  in  England
werden  daher  ebenfalls  eine  Rente  von  5  Fr.  erhalten.  Dieses  dritte  Hilfsmittel ­
  wird  jedoch  von  Ricardo  kaum  erwähnt,  und  er  konnte  in  der  Tat
damals  noch  kaum  voraussehen,  welche  außerordentliche  Entwicklung
ein  halbes  Jahrhundert  später  hierin  eintreten  würde,  eine  Entwicklung,
die  das  Gesetz  der  Bodenrente  in  unseren  europäischen  Ländern  Umstürzen
und  all  die  Drohungen,  die  es  in  sich  barg,  Lügen  strafen  sollte 1 ).
Diese  große  Theorie  Ricardo’s,  die  beim  ersten  Anblick  selbstverständlich ­
  erscheint,  beruht  jedoch  auf  einer  gewissen  Anzahl  Postulate,
die  näher  ins  Auge  gefaßt  werden  müssen.  Die  einen  können  als  endgültige
wissenschaftliche  Wahrheiten  anerkannt  werden,  die  anderen  nicht.
1.  Zunächst  setzt  diese  Theorie  voraus,  daß  die  Erzeugnisse  ungleich
fruchtbarer  Felder,  obschon  sie  ungleiche  Arbeitsmengen  darstellen,  sich
stets  zum  gleichen  Preise  verkaufen,  stets  den  gleichen  Tauschwert
haben.  Ist  nun  diese  Prämisse,  die  wir  provisorisch  ohne  Untersuchung
angenommen  haben,  wirklich  unanfechtbar?  Gewiß,  wenn  man  annimmt,
daß  es  sich  um  Produkte  gleicher  Art  und  gleicher  Qualität,  wie  das  Getreide, ­
  handelt.  Wenn  die  auf  demselben  Markte  angebotenen  Waren  so
gleichartig  sind,  daß  es  dem  Käufer  gleichgültig  sein  kann,  welche  er
erwirbt,  so  wird  er  keinesfalls  die  einen  teurer  als  die  anderen  bezahlen.
Stanley  Jevons  hat  dieses  Gesetz  später  das  „Gesetz  der  Indifferenz“
genannt 2 ).
!)  Kurze  Zeit  darauf  gab  ein  Deutscher,  selbst  ein  Großgrundbesitzer,  ein  Buch
heraus,  das  sich  mit  der  Untersuchung  gerade  jener  Seite  der  Rentenfrage,  die  Ricardo
vernachlässigt  hatte,  befaßte,  d.  h.  mit  dem  Einfluß  der  Entfernung  vom  Markt  auf
die  Bewirtschaftung  und  auf  den  Preis  der  Erzeugnisse.  Es  war  das  v.  Thünen,  der
in  seinem  Buch:  „Der  isolierte  Staat“  (der  erste  Band  erschien  1826)  das  Bild
einer  Stadt  aufstellte,  die  von  einem  bestimmten  Landbezirk  umgeben  ist.  Er  weist
nach,  auf  Grund  welcher  Gesetze  die  Bewirtschaftung  sich  in  konzentrischen  Zonen
um  den  Mittelpunkt  anordnen  wird,  und  wie  jedes  der  Wirtschaftssysteme  zu  der  Entfernung ­
  in  Beziehung  steht.
5 )  Der  Ruhm  dieser  für  das  Verständnis  des  Tauschwertes  so  bedeutsamen  Entdeckung ­
  kommt  aber  nicht  einzig  Ricardo  zu,  denn  schon  40  Jahre  vor  ihm  hatte
ein  einfacher  schottischer  Landwirt,  Anderson  —  (der  allerdings  höchstwahrscheinlich
in  völlige  Vergessenheit  geraten  wäre,  wenn  man  ihn  nicht  als  Vorläufer  Ricardo  ä
ausgegraben  hätte)  —  diese  Tatsache  bemerkt,  und  in  seinem  Buch:  Observations
on  the  means  of  exciting  a  spirit  of  National  Industry  (1777)  sehr  gut
ausgeführt:  „Der  Landwirt,  der  die  fruchtbarsten  Felder  bewirtschaftet,  kann  sein
Getreide  zu  einem  geringeren  Preis  auf  den  Markt  bringen  als  andere,  die  weniger  ertragreiche ­
  Felder  bewirtschaften  ...  Er  ist  aber  in  der  Lage,  sein  Getreide
zum  gleichen  Preis  auf  dem  Markt  zu  verkaufen,  wie  die,  die  geringeren
Boden  bearbeiten  .  .  .  Folglich  ist  es  bedeutend  vorteilhafter,  fruchtbare  Feldei
zu  bewirtschaften;  da  aber  dieser  Gewinn  im  Maßstab,  wie  man  in  der  Reihenfolge
der  weniger  ertragreichen  Felder  herabsteigt,  immer  geringer  wird,  muß  man  endlich
an  einen  Punkt  kommen,  wo  die  zur  Bewirtschaftung  eines  solchen  geringwertigeren ­
  Feldes  nötigen  Kostenaufwendungen  dem  Gesamtertrag
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  11

11!  iff  i
            
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