Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

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an  Arbeit  und  Kosten,  der  zu  leisten  wäre,  den  Mehrertrag,  den  er  erhalten
kann,  bedeutend  übersteigt.  Das  nennt  man  das  Gesetz  des  sinkenden
Bodenertrages.
Dieses  Gesetz  bildet  einen  integrierenden  Bestandteil  der  Ricardoschen
  Theorie,  ohne  dessen  Berücksichtigung  sie  unverständlich  bleibt,
wie  es  auch  der  malthusischen  Theorie  unausgesprochen  zugrunde  lag.
übrigens  ist  es  schon  von  Turgot  entdeckt  und  mit  bewunderungswürdiger ­
  Kraft  und  Klarheit  formuliert  worden:  „Man  kann  niemals
annehmen,  daß  verdoppelte  Aufwendungen  das  Produkt  verdoppeln“ 1 ).
Und  Malthus  wiederholt  nur,  wahrscheinlich  ohne  sie  zu  kennen,  die
Stelle,  wo  Turgot  sagt:  „es  ist  selbstverständlich,  daß,  im  Maße  wie  die
Bewirtschaftung  sich  ausdehnt,  der  jährliche  Zuwachs  des  Durchschnittsertrages ­
  ständig  geringer  wird“ 2 ).  Ricardo  sah  dies  Gesetz  unter  seinen
Augen  in  Kraft.  Oft  spricht  er,  wenn  auch  etwas  dunkel,  von  der  Ver-*)

  Turgot,  Observations  sur  un  Mömoire  de  M.  de  Saint-Pöravy,
®uvres  I,  S.  420.
„Man  kann  niemals  annehmen,  daß  die  Verdoppelung  der  Vorschüsse  eine  Verdoppelung ­
  des  Ertrages  ergebe  .  ..“
„Es  ist  mehr  als  wahrscheinlich,  daß  jede  Erhöhung  der  Vorschüsse,  die  nach
und  nach,  bis  zu  dem  Punkte,  wo  sie  nichts  mehr  einbringen,  vorgenommen  wird,
einen  nach  und  nach  geringer  werdenden  Ertrag  bringen.  In  diesem  Falle  würde  es
mit  der  Ertragsfähigkeit  des  Bodens  wie  mit  einer  elastischen  Feder  stehen,  die  man
durch  eine  wachsende  Belastung  mit  gleichen  Gewichten  zu  spannen  trachtet.  Wenn
das  Gewicht  leicht  ist,  und  die  Feder  nicht  sehr  elastisch,  wird  die  Wirkung  der  ersten
Belastungen  fast  Null  sein.  Wenn  das  Gewicht  genügend  schwer  wird,  um  den  ersten
Widerstand  zu  überwinden,  wird  die  Feder  bemerkbar  nachgeben  und  sich  biegen;
wenn  sie  aber  bis  zu  einem  bestimmten  Punkt  gebogen  ist,  wird  sie  dem  auf  sie  ausgeübten ­
  Druck  größeren  Widerstand  entgegensetzen  und  ein  Gewicht,  unter  dem  sie
am  Anfang  um  einen  Zoll  nachgegeben  hätte,  wird  sie  nur  noch  um  eine  halbe  Linie
biegen.  So  wird  die  Wirkung  beständig  geringer  werden.“
„Dieser  Vergleich  ist  zwar  nicht  ganz  genau,  genügt  aber,  um  verstehen  zu  lassen,
wie  es  kommt,  daß  auch  eine  sehr  hohe  Kostenaufwendung  den  Ertrag  nur  sehr  wenig
steigern  kann,  wenn  der  Boden  nahe  an  die  Grenze  seiner  Ertragsfähigkeit  gelangt  ist.“
Der  durchdringende  Geist  Tubgot’s  hat  damit  eine  in  den  Darlegungen  der
klassischen  Ökonomisten  gewöhnlich  unbeachtet  gebliebene  Tatsache  hervorgehoben,
nämlich,  daß  es  am  Beginn  der  Bodenbewirtschaftung  eine  Periode  des  Optimum  gibt,
während  der  der  Ertrag  mehr  als  proportional  ist.
s )  Bemerkenswert  ist,  daß  das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  (loi  du
rendement  non-proportionel)  sich  schon  in  der  zweiten  der  beiden  berühmten  Progressionsreihen ­
  Malthus’  findet,  denn  die  arithmetische  Reihe,  die  er  als  Maßstab
des  Wachstums  der  Lebensmittel  gibt  —  1,  2,  3,  4,  5,  6,  7,  8,  .  .  .  100,  usw.  setzt
natürlich  ein  um  so  langsameres  Wachstum  voraus,  je  höher  die  Reihe  steigt,  d.  h.  die
Zeit  fortschreitet.  Ein  Feld  gibt  z.  B.  einen  Ertrag  1;  in  26  Jahren  2  oder  100%  mehr,
was  nichts  besonders  Wunderbares  hat,  weil  es  in  die  erste  Zeit  der  Bewirtschaftung
fällt.  Am  Ende  einer  zweiten  Periode  von  25  ist  der  Ertrag  gleich  3;  die  Vermehrung
*st  immer  gleich  1,  aber  die  Proportion  ist  jetzt  nur  noch  50%;  so  fällt  das  Wachstum
auf  33  %,  25  %,  20  %  und  am  Ende  der  100.  Periode  nach  2500  Jahren  beträgt  es  nur
noch  1  %  und  wird  stetig,  wenn  auch  immer  langsamer,  geringer.
            
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