Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

2.  Weiterhin  wird  angenommen,  daß  dieser  für  alle  gleichen  Produkte
gleiche  Tauschwert  durch  die  Arbeit  bestimmt  wird.
Dies  bringt  uns  zur  Werttheorie  Ricardo’s.  Wie  man  weiß,  erschien
ihm  der  Wert  jeder  Sache  von  der  zu  ihrer  Erzeugung  notwendigen  Arbeit
bestimmt 1 ).  Schon  Adam  Smith  hatte  gesagt,  daß  der  Wert  im  Verhältnis ­
  zur  aufgewandten  Arbeit  stände.  Aber  nur  in  den  primitiven  Gesellschaften; ­
  in  den  zivilisierten  Gesellschaften  hat  er  im  Gegenteil  erklärt,
„gäbe  es  nur  sehr  wenige  Waren,  deren  ganzer  Tauschwert  auf  der  Arbeit
allein  beruhe“.  Smith  nahm  daher  wohl  an,  daß  die  Arbeit  einer  der
Wertfaktoren  sei,  aber  nicht  der  einzige.  Was  sind  nun  die  anderen?
Offenbar  der  Boden  und  das  Kapital.
Ricardo  vereinfacht  das  Problem,  wie  es  abstrakte  Denker  gern  tun,
indem  er  die  beiden  letzten  Faktoren  ausschaltet  und  nur  die  Arbeit  bestehen ­
  läßt.  Was  den  Boden  anbelangt,  so  schiebt  er  ihn  auf  die  Seite,
da  ja  die  Rente  in  nichts  zur  Schaffung  des  Mehrwertes  beiträgt,  ja  im
Gegenteil  selbst  von  ihm  geschaffen  wird 2 ).  Das  Getreide  wird  nicht
teuer  verkauft,  weil  der  Boden  eine  Rente  abwirft,  sondern  weil  das  Getreide ­
  teuer  ist,  gibt  der  Boden  eine  Rente.  Das  volle  Verständnis  dieses
Grundsatzes,  sagt  er,  ist  in  der  Nationalökonomie  von  der  größten  Bedeutung. ­
  Was  das  Kapital  anbelangt,  so  ist  es  nichts  als  Arbeit.  Es  ist
daher  nicht  notwendig,  einen  besonderen  Faktor  daraus  zu  konstruieren.
Es  genügt  nicht,  unter  Arbeit  „nur  die  Arbeit  zu  verstehen,  die  unmittelbar
auf  die  Erzeugung  verwendet  worden  ist,  sondern  auch  diejenige  Arbeit,
die  auf  Werkzeuge,  Maschinen  und  Gebäude,  die  der  Schaffung  des  Produktes ­
  dienten,  verwendet  wurde“ 3 ).  Mit  dieser  Erklärung,  die  das  Kapital
auf  die  Arbeit  zurückführt,  war  jedoch  Ricardo  selbst  nicht  sehr  zufrieden. ­
  Einen  Großkapitalisten,  wie  Ricardo,  mußte  eine  solche  These
allerdings  sehr  beunruhigen.  Als  man  ihm  entgegenhielt,  daß  Eichen  und
Wein  mit  dem  Alter  an  Wert  zunehmen,  war  er  in  rechter  Verlegenheit.
Und  in  einem  Briefe  an  Mac  Culloch  sagt  er:  „Alles  Nachdenken,  das
ich  auf  diese  Frage  verwendet  habe,  bringt  mich  zu  der  Annahme,  daß
der  relative  Wert  der  Dinge  durch  zwei  Ursachen  bestimmt  wird:  1.  Durch

gleich  sind“  (von  Stanley  Jevons  in  seiner  Theory  of  Political  Economy,
S.  229  angeführt).  Ricardo  scheint  hiervon  keine  Kenntnis  gehabt  zu  haben;  wenigstens
erwähnt  er  ihn  nicht.  Nur  Malthus  und  West  erkennt  er  die  Priorität  dieses
Gedankens  zu.
*)  „Ich  sehe  die  Arbeit  als  die  Quelle  allen  Wertes  an,  und  ihre  relativen  Mengen
als  Maßstab,  der  fast  ausschließlich  den  relativen  Wert  der  Waren  bestimmt.“
2 )  Schon  Home  hatte  Smith  gegenüber  diesen  Einwurf  erhoben.  Vgl.  oben  S.  71
Anm.  1  (al.  2).
3 )  „Wenn  das  Kapital  ein  vergängliches  Gut  ist,  müssen  Jahr  für  Jahr  große  Anstrengungen ­
  gemacht  werden,  um  es  in  seiner  Vollständigkeit  zusammenzuhalten;  diese
Wiederherstellungsarbeit  kann  in  Wirklichkeit  als  für  die  Erzeugung  von  Waren
aufgewendet  angesehen  werden  und  muß  sich  in  ihrem  Wert  wiederfinden.“
            
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