Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

kunft  die  Arbeiterklassen  spielen  können,  und  bereitet  sich  darauf  vor,
sie  zu  führen.  Er  wendet  sich  jedoch  hauptsächlich  an  die  kultivierten
Klassen,  an  die  Ingenieure,  die  Bankiers,  die  Künstler  und  die  Gelehrten.
Diesen  meistens  aus  den  begüterten  Klassen  hervorgegangenen  Männern
predigt  der  Saint-Simonismus  den  Kollektivismus  und  die  Abschaffung
des  Erbrechtes  als  das  sicherste  Mittel,  eine  neue  Gesellschaft  zu  gründen,
die  sich  auf  die  Wissenschaft  und  die  Industrie  aufbaut.  Hierauf  beruht
das  Aufsehen,  das  seine  Ideen  erregten.
Wenn  man  sich  bemüht,  seinen  Anfängen  nachzugehen,  so  kommt
man  dazu,  in  dem  Saint-Simonismus  mehr  eine  unerwartete  eigentümliche ­
  Fortsetzung  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  zu  sehen,  als  einen
Spätling  alter  sozialistischer  Auffassungen.
Man  muß  in  der  Tat  in  dem,  was  mit  dem  Namen  Saint-Simonismus ­
  bezeichnet  wird,  zwei  aufeinanderfolgende  Doktrinen  unterscheiden;
die  eine  ist  die  Saint-Simon’s,  die  andere  die  seiner  Schüler,  der  Saint-Simonisten.
  Die  erste  ist  ein  einfacher  „Industrialismus“,  dem  der  Sozialismus ­
  gewisse  Züge  entlehnen  wird,  der  sich  aber  hauptsächlich  an
den  ökonomischen  Liberalismus  anschließt,  dessen  etwas  übertriebene
Form  er  ist.  Nur  die  Lehre  der  Schüler  verdient  den  Namen  Kollektivismus. ­
  Dennoch  ist  sie  die  logische  Folge  aus  den  Grundsätzen  des  Meisters,
die  sie  nur  fortsetzt  und  erweitert.  Für  die  Geschichte  der  wirtschaftlichen ­
  Grundgedanken  ist  vielleicht  die  Theorie  der  Schüler  die  wichtigere.
Sie  bleibt  jedoch  unverständlich,  wenn  man  keine  Kenntnis  von  der
Saint-Simon’s  hat.  Wir  werden  daher  zunächst  diese  darlegen,  indem
wir  die  Beziehungen  nachweisen,  die,  wenn  auch  in  eigentümlicher  Weise,
so  doch  ganz  bestimmt  den  Sozialismus  Saint-Simon’s  mit  dem  ökonomischen ­
  Liberalismus  verbinden.
§  1.  Saint-Simon  und  der  Industrialismus.
Saint-Simon  war  ein  Grand-Seigneur,  dessen  Leben  unter  vielen
Abenteuern  und  ohne  Ordnung  verlief.  Mit  16  Jahren  nimmt  er  an  dem
amerikanischen  Unabhängigkeitskriege  teil.  Unter  der  Bevolution  legt
er  seinen  Adelstitel  ab  und  stellt  durch  glückliche  Spekulationen  mit
den  Nationalgütern  sein  zerrüttetes  Vermögen  wieder  her.  Als  verdächtig
in  Sainte  PMagie  eingekerkert,  durch  den  9.  Thermidor  wieder  befreit,
beschäftigt  er  sich  von  da  an  zur  gleichen  Zeit  mit  geschäftlichen  Unternehmungen, ­
  mit  Reisen,  mit  Vergnügungen  und,  wenn  auch  nur  oberflächlich, ­
  mit  wissenschaftlichen  Studien.  Von  diesem  Augenblicke  an
betrachtet  er  sich  als  eine  Art  Messias 1 ).  Die  Geburt  der  neuen  Gesell-9
  Vgl.  im  besonderen:  Dumas,  Psychologie  des  deux  Messies.  positivistes,
  Saint-Simon  et  A.  Comte  (Paris,  1905)  und,  soweit  biographische  Einzelheiten ­
  in  Betracht  kommen:  Weil,  Saint-Simon  et  son  ceuvre  (1894).
            
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