Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Samt-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 221 
schaft, der er beiwohnte, machte einen tiefen Eindruck auf ihn, dieser 
Gesellschaft, in der die moralischen, politischen und materiellen Be 
dingungen plötzlich umgestürzt zu sein schienen, und aus der sogar die 
alten Religionen verschwunden waren, ohne daß etwas Neues an ihre Stelle 
trat. Er träumt davon, ihr ein neues Evangelium zu bringen. Am 4. Mes- 
sidor des Jahres VI ruft er „die mit ihm verbundenen Kapitalisten zu 
sammen, predigt ihnen die Notwendigkeit, die Moral zu erneuern und 
regt die Schaffung einer riesigen Bank an, deren Einkommen dazu dienen 
soll, der Menschheit nützliche Arbeiten auszuführen“. So verbinden 
sich bei ihm schon philosophische und industrielle Gedanken 1 ). Eine 
schnell wieder geschiedene Ehe und unmäßige Verschwendung stürzen 
ihn aufs Neue ins Elend. Im Jahr 1805 von einem alten Diener aufge 
nommen, lebt er nach dessen Tode bald von einer bescheidenen Pension, 
die ihm seine Familie zahlt, bald von der Unterstützung einiger Indu 
strieller. Trotzdem ist er so unglücklich, daß er sich im Jahr 1823 das 
Leben zu nehmen versucht. Dieser Versuch schlägt fehl, und er findet 
endlich dank dem Bankier Olinde Rodrigues materielle Sicherheit, 
bis er im Jahr 1825, in seinen letzten Augenblicken von einigen Schülern 
umgeben, stirbt. Während aller dieser Jahre von dem Drange beseelt, 
dem neuen Jahrhundert die Lehre, die ihm fehlt, zu geben, hörte Saint- 
Simon nicht auf, Broschüren, Zusammenstellungen und Werke bald 
ullein, bald mit Anderen zusammen, zu veröffentlichen. In ihnen weist 
er stets auf dieselben Vorschläge hin und wiederholt unter verschiedenen 
Formen stets die gleichen Gedanken 2 ). 
In seinen ersten Arbeiten sucht er hauptsächlich eine wissenschaft 
liche Synthese herzustellen, die in der Zukunft eine positive Moral bieten 
und an Stelle der religiösen Dogmen treten könne. Es würde, wie man 
gesagt hat, eine Art „wissenschaftliches Brevier“ gewesen sein, in dem 
die Gesamtheit der Tatsachen von einem einzigen Gedanken abgeleitet 
sein sollte, von der allgemeinen Gravitation. Er war sich bewußt, wie 
chimärisch eine so einfache Erklärung sein mußte, und wie ungenügend 
seine Kenntnisse waren, um einen so ehrgeizigen philosophischen Versuch 
B Weil, Saint-Simon et son oeuvre, S. 16. 
B 1814 erschien: De la rfiorganisation de la Socifitö europßenne, 
Vom Grafen de Saint-Simon und A. Thierry, seinem Schüler; —- von 1817 1818, 
Industrie, in 4 Bänden (der 3. Band und das erste Heft des vierten sind von A. Comte); 
1819, la Politique; — 1821, le Systeme industriel; •— von 1823 1824, le 
^atSchisme des industriels, (von dem das dritte Heft von A. Comte stammt und 
Uen Namen: Systeme de politique positive trägt); —1825, le Nouveau Christi- 
a nisme. — Wir zitieren Saint-Simon sowohl nach den (Euvres de Saint-Simon 
et d’Enfantin, die die von Enfantin zur Ausführung seines letzten Willens ein- 
Sosetzte Kommission herausgegeben hat“, (Paris, Dentu, 1865) wie auch nach den 
Euvres choisies Von Saint-Simon, die 1869 in drei Bänden von Lemonnier in Brüssel 
veröffentlicht wurden.
	        
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