Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 239 
Zeugung den fröhlichen und beständigen Gehorsam zu sichern? 1 ) Man 
wird jedoch fragen, ob denn nur die Saint-Simonistische Religion das 
einzigartige Privileg haben wird, keine Ketzer hervorzubringen? 
Es würde zu nichts führen, die Einwände zu häufen; sie liegen 
auf der Hand. Sie sind notwendigerweise auf jedes kollektivistische 
System anwendbar und unterscheiden sich nur in ihren Einzelheiten. 
Sobald man die soziale Selbstbetätigung, die freie Initiative des 
Menschen durch eine wirtschaftliche Tätigkeit ersetzen will, die 
in allen ihren Teilen vorausgesehen und organisiert ist, stößt man 
sofort auf psychologische Unmöglichkeiten. An Stelle des Menschen 
herzens mit seinen gewöhnlichen Beweggründen, seinem Mißtrauen und 
seiner Auflehnung und seinen Schwächen, an Stelle des Menschengeistes 
mit seiner Gleichgültigkeit, seiner Unwissenheit und seinen Irrtümern 
muß man ein Herz und einen Geist von idealer Vollkommenheit setzen, 
( he beide nur sehr entfernt mit dem Herzen und dem Geiste verwandt 
si nd, die wir kennen. Der Gedanke der Saint-Simonisten, daß ein ge 
meinsamer, religiöser Glaube unerläßlich sei, um eine derartige Ordnung 
aufrecht zu erhalten, beweist (vielleicht ohne ihre Absicht), daß sie einen 
bedeutend größeren Scharfsinn besaßen als viele ihrer verachtungsvollsten 
Kritiker. 
Es ist wichtiger hier festzustellen, daß das Saint-Simonistische 
System das Vorbild all der kollektivistischen Zukunftsbilder ist, die 
hn Laufe des 19. Jahrhunderts aufeinander folgen. Es stellt ein reifes 
und vollständiges System dar. Es beruht auf einer eingehenden Kritik 
des Privateigentums und unterscheidet sich in allen seinen Zügen von 
den vorhergehenden Gleichheitsutopien. Die einzige Gleichheit, die die 
Saint-Simonisten verlangen, ist die, welche die Engländer „equality of 
°Pportunity“ (Gleichheit der Aussichten) nennen, Gleichheit der Chancen 
oder Gleichheit der Ausgangspunkte. Darüber hinaus gibt es nur Un- 
§Kichheit, und zwar gerade im Interesse der sozialen Produktion.. Die 
Kegel der Neuen Gesellschaft ist: Jedem nach seinen Fähigkeiten, 
jederJFähigkeit nach ihrer Leistung 2 ). 
l ) „Wir werden mit Freuden zu jener hohen Tugend zurügkkehren, die heute 
o mißverstanden, wir können sagen, mißachtet ist, jener Tugend, die zwisc ’ 
' lle den gleichen Zweck verfolgen, so leicht, so liebenswürdig ist, daß alle «« zue 
«chen streben, und die so unleidlich, so aufbäumend wirkt, wenn sie 
gehorchen muß, — mit herzlicher Hingabe werden wir zum GEHORSAM zuruck 
p 2 ) In der’dritten'Ausgabe der Doctrine findet sich eine c ! twa ' S 
. 0rm el und zwar auf der dritten Seite: „Ein Jeder,“ wird dort gesagt, ' j 
jh misten <versorgt> und nach seinen Werken entlohnt werden. Hier sieht man 
hesser, wie der erste Teil der Formel die Verteilung der Kapitalien, der Arbeits 
titel, und der zweite die Verteilung der individuellen Einkommen im Auge hat. 
An anderer Stelle findet man noch das Wort „eingereiht (classG) anstatt „versorgt 
0 )> z. B. in der 2. Ausg. S. 183.
	        
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