Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 291
wie die Bedürfnisse der Metallurgie und der Spinnereien wuchsen, die
immer mehr Rohstoffe verbrauchten. Als es sich daher 1841 darum
handelte, den Zollverein zu erneuern, erhob sich eine lebhafte Polemik
zwischen den Anhängern des Status quo, die zum Freihandel neigten, und
den Befürwortern eines kräftigeren Schutzzollsystems.
In diesem Augenblicke erscheint das nationale System List’s, das
energisch zugunsten des Schutzzolls eintritt.
Dieses glänzende, formvollendete Buch, das, voll von Beispielen aus
der Geschichte und der Erfahrung, für das große Publikum in einer Sprache
geschrieben ist, die alles Trockene und rein Wissenschaftliche vermeidet,
wurzelt ganz und gar in der besonderen wirtschaftlichen Lage Deutschlands
in diesem Augenblick. Eine ganz junge Industrie, die Grundbedingung
der zukünftigen Größe des Landes, die sich seit 1815 zum
erstenmal hatte in Frieden entwickeln können, stößt jetzt im Konkurrenzkampf
auf die englische Industrie mit ihren vervollkommneten Maschinen,
ihrer langen Überlieferung und ihrer riesenhaften Produktion. Hierin lag
ihr List die Haupttatsache. Das so bedrohliche England schließt durch
seine „Corn-Laws“ den Produkten der deutschen Landwirtschaft, wie
denen der deutschen Industrie seinen Markt. Zwei andere Nationen, die
Wl e Deutschland zu einer großen wirtschaftlichen Zukunft berufen waren,
feigen ihm den Weg: Frankreich und die Vereinigten Staaten. Durch
die Ergebnisse des Eden-Vertrages (1786) über die verderblichen Wirungen
der englischen Konkurrenz belehrt, beeilt sich das erstere Land,
sofort nach den napoleonischen Kriegen seine Grenzen durch Schutzzölle
Zu schließen. Noch bezeichnender ist das Beispiel der Vereinigten Staaten,
°ssen Lage in so vieler Hinsicht mit der Deutschlands vergleichbar war.
, . beiden Seiten eine soeben erst erworbene wirtschaftliche Selbständige
i n Überfluß an natürlichen Hilfsquellen, ein großes Gebiet, eine
gebildete und fleißige Bevölkerung und die Aussicht auf eine große politische
iikunft. Die erste Sorge der Amerikaner, als sie sich frei gemacht hatten,
( I ar die, eine Industrie ins Leben zu rufen, und zu diesem Zweck das Einigen
der englischen Waren durch Schutzzölle hintanzuhalten. So
u este bt überall die gleiche Gefahr: das tyrannische Übergewicht Englands,
zoll ^ era ll wird die gleiche Verteidigungswaffe angewendet: der Schutz-’
S°U nur Deutschland sich dieses Abwehrmittels nicht bedienen ?
Das ist der Grundgedanke von List’s Ausführungen,
wid Aber diese nur auf das praktische gerichteten Anschauungen List’s
Versprachen den wohlbekannten Argumenten der Volkswirtschaftler,
ein v Unt6r dem Namen »die Schule“ zusammenfaßt. Diese Schule sagt:
bilr mu ^ ebenso, wie ein Individuum, seine Bedürfnisse auf dem
für d^ 6n ÄIarkt dec ken; es muß sich auf die Erzeugnisse beschränken,
„die es die meisten relativen Vorteile besitzt; auch wächst die Industrie
mit den Kapitalien; da nun der Schutzzoll das Leben verteuert, so
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