Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Friedrich  Lsit  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  293

ein  hohes,  edles  Ziel,  das  eines  Tages  verwirklicht  werden  wird.  Heute
aber  haben  die  verschiedenen  Nationen  noch  verschiedene  Interessen
und  sind  verschieden  mächtig.  Die  endgültige  Wirtschaftseinheit  kann
ihnen  nur  dann  nützen,  wenn  die  Nationen  mit  gleicher  wirtschaftlicher
Macht  in  diese  allgemeine  Verbrüderung  eintreten.  Denn  wenn  das  nicht
der  Fall  ist,  wird  es  sehr  leicht  möglich,  daß  nur  eine  von  ihnen  von  der
Wirtschaftseinheit  Vorteil  hat,  während  alle  anderen  von  ihr  unterjocht
werden.  Unter  diesem  neuen  Gesichtspunkt  ist  die  Nationalökonomie
»diejenige  Wissenschaft,  welche  mit  Anerkennung  der  bestehenden  Interessen ­
  und  der  individuellen  Zustände  der  Nationen  lehrt,  auf  welche  Weise
jede  einzelne  Nation  auf  diejenige  Stufe  ökonomischer  Ausbildung  gehoben ­
  werden  kann,  auf  welcher  die  Einigung  mit  anderen  gleichgebildeten
Nationen,  folglich  die  Handelsfreiheit,  ihr  möglich  und  nützlich  sein  wird“ 1 ).
List  unterscheidet  verschiedene  dieser  „Wirtschaftsstufen“,  wir  würden
heute  sagen:  dieser  Formen  wirtschaftlicher  Verfassung.  Er  behauptet
so gar,  unter  ihnen  eine  notwendige  geschichtliche  Reihenfolge  nachzuweisen. ­
  Es  sind  das:  Der  Zustand  des  Wilden,  der  des  Hirten,  der  des
Agrikulturstaates,  der  des  Agrikultur-Manufaktur-Staates  und  der  des
Agrikultur-Manufaktur-Handels-Staates 2 ).  Eine  Nation  ist  nur  „normal“ 3 ),

iQ 1 )  ®‘ e he  Cotta’sche  Ausg.  1841,  S.  194;  siehe  auch  S.  238;  an  anderer  Stelle
u  a  a  er:  „die  politische  oder  National-Ökonomie,  welche,  von  dem  Begriff
®  „  Natur  der  Nationalität  ausgehend,  lehrt,  wie  eine  gegebene  Nation  bei  der
gegenwärtigen  Weltlage  und  bei  ihren  besonderen  Nationalverhältnissen  ihre  ökono-1S
  j 6n  Zustände  behaupten  und  verbessern  kann.“
An!  r?  Cotta.  Ausg.  1841.  Das  Beispiel  Englands  hat  List  zu  dieser  Auffassung
Floft  Segeben;  sie  beruht  aber  auf  einem  geschichtlichen  Irrtum.  England  hat  seine
ent  Kolonien  und  seinen  internationalen  Handel  vor  seinem  Manufakturwesen
l)lia' VICk /|lt'  Seit  List  sind  zahlreiche  Schemata  der  wirtschaftlichen  Entwicklungsdie
  S ( C < n ,,,  r  Nationen  vorgeschlagen  worden.  Hildebrandt  unterschied  die  Natural-,
bd  ii  q*  unt ^  c *‘ e  Kredit-Wirtschaft  (Jahrbücher  für  National-Ökonomie,
jj an  ’  b-  1—24).  Bücher  hat  an  Stelle  dieser  Aufzählung  die  Aufeinanderfolge  von
^i r f"’  '-’tadt-  und  Volkswirtschaftsperioden  gesetzt  (Die  Entstehung  der  Volksin ­
  . s °h a ft,  Ausg.).  Sombart  hat  seinerseits  nicht  ohne  Grund  diese  Einteilung
doch^f 1  Buch:  moderne  Kapitalismus  (Bd  I,  S.51  ff.,Leipzig  1902)kritisiert,
fst  es  die  Frage,  ob  die,  die  er  vorschlägt,  dauerhafter  sein  wirdl
schier] 11  ha - t ’  8^ au üen  wir,  nicht  bemerkt,  daß  List  selbst  die  Aufzählung  der  verdes
  n en {f  wirtschaftlichen  Perioden  fast  vollständig  A.  Smith  entlehnt.  Im  V.  Kap.
Von  Jr"  Uches  ^ es  Völkerreichtums,  in  dem  er  voll  der  verschiedenen  Anwendung
diela  !f ltalien  spricht,  unterscheidet  er  gerade  drei  solcher  Entwicklungsperioden:
^annf  V'rtschaftliche,  die  manufaktur-landwirtschaftliche  und  die  landwirtschaftliche
man  a  VV'N^dds-Periode.  Smith  hält  die  letztere  für  die  vorteilhafteste;  nur  muß
der  tv 3,0  1  Blm ,  die  Verwirklichung  dieser  dritten  Periode  von  dem  „natürlichen  Lauf
Dinge“  erwarten.
hestim  f'  257,  Cotta -  Ausg.  1841.  Wir  treffen  hier  auf  die  Anwendung  eines  der  unwert
  (P  iir 11  UnC *  vicici^tigsten  Begriffe  der  Volkswirtschaft.  Es  wäre  wünschens-Sitreiti
  ! 6  Wissenschaft  überhaupt  von  ihm  zu  befreien.  Bekannt  ist,  zu  welchen
8  eiten  die  Idee  des  normalen  Lohnes  und  des  normalen  Preises  Anlaß  ge-
            
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