292 Zweites Buch. Die Gegner.
verzögert er die Ansammlung von Kapitalien und widerstreitet seinem
eigenen Zwecke.
Um diese Einwürfe zu widerlegen, mußte man, anstatt einen nach
dem anderen vorzunehmen, die ganze Diskussion auf einen neuen Boden
übertragen. Die „Schule“ nahm ein gewisses handelspolitisches Ideal
als gegeben an: in jedem Augenblick den gegenwärtigen Reichtum, oder
wie es List recht ungeschickt ausdrückt, „die Summe der Tauschwerte
vermehren, die eine Nation verbrauchen kann 1 ). Dieser grundlegende
Gesichtspunkt mußte geändert werden, wenn man sich den Folgerungendie
sich logisch daraus ergaben, entziehen wollte. List begriff das, und
in seinen Bemühungen, dies Ziel zu erreichen, fand er neue Wahrheiten,
die seinem Buch bleibenden theoretischen Wert verleihen und ihm einen
bedeutenden Platz in der Geschichte der Doktrinen sichern.
Er führte in die Diskussion zwei den anerkannten Theorien fremde
Gedanken ein: die Idee der Nationalität, als Gegensatz zu der des
Internationalismus; und die Idee der Produktivkraft, als Gegensatz
zu der des Tauschwertes. Auf diesen Gedanken beruht das ganze Systema)
List sagt: Adam Smith und seine Schule haben eine kosmopolitische
Hypothese aufgestellt. Sie haben angenommen, daß schon jetzt alle
Menschen in einer großen Gemeinschaft vereinigt sind, aus der der Krieg
verbannt ist. Auf Grund einer solchen Hypothese, wonach die ganze
Menschheit sich aus Einzelindividuen zusammensetzt, sind allerdings ihre
individuellen Interessen allein von Wichtigkeit, und man kann kein
Hindernis rechtfertigen, das ihrer wirtschaftlichen Freiheit entgegensteht.
Aber zwischen den Menschen und das Menschengeschlecht hat die G e '
schichte die Nationen gestellt. Das vergißt die Schule. Jeder Mensch is*
ein Teil einer Nation, und sein individueller Wohlstand ist mit der politischen
Macht der letzteren innigst verknüpft 2 ).
Ohne jeden Zweifel ist die allgemeine Verbrüderung der Menschen
1 ) Der Ausdruck „Tauschwert“ bezeichnet bei List nichts Anderes, als die Meng«
der gegenwärtigen Vorteile, der materielle Augenblicksprofit. Es ist nicht besonders
glücklich, doch würde es unrichtig sein, ihn buchstäblich zu nehmen und ihm z**
viel Bedeutung beizulegen. Denn in den Briefen an Ingersoll, S. 186, drück
er genau den gleichen Gedanken aus, indem er sagt, daß für die Schule Smith’s der
Zweck ist: „Gegenstände durch den Austausch gegen andere Gegenstände
zu gewinnen“, und „sich hauptsächlich mit den Wirkungen des
materiellen Austausches zu befassen, anstatt mit den produktiven Kräften •
Zu bemerken ist, daß List niemals von Ricardo spricht, sondern sich einzig geg e!
Smith und Say wendet, die er allein gelesen zu haben scheint.
2 ) „So lehrt das Beispiel von Holland, wie das von Belgien, wie das der Hans
städte und der italienischen Republiken, daß die Privatindustrie den Handel und ^
Industrie und den Reichtum ganzer Staaten und Länder nicht aufrecht zu erha
vermag, wenn die öffentlichen Zustände nicht günstig sind, und daß die Individu
den größtenTeil ihrer produktiven Kräfte von der politischen Organisation der Reg*® 111 ”
und der Macht der Nation empfangen“ (Nat. Syst. S. 75, Cotta’sche Ausg.