Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 311
führung in der Nationalökonomie; und wenn er auch keinen Anspruch
auf den Namen eines Gründers erheben kann, so gestattet doch die glänzende
Art und Weise, in der er hierin vorgegangen ist, ihn neben und
sogar über die zu stellen, die zur gleichen Zeit und nicht ohne ziemliche
Übertreibung versuchten, aus der Geschichte das Hauptinstrument wirtschaftswissenschaftlicher
Untersuchungen zu machen, indem sie „eine
historische Schule“ schufen.
Außerdem hat List in die Ökonomik neue und fruchtbare Gesichtspunkte
eingeführt. Das Prinzip des freien Austausches, so wie Smith
und noch mehr Say und Ricardo es formuliert hatten, war ohne Frage
zu absolut und beruhte auf einer zu abstrakten Beweisführung, um für
den Staatsmann von irgendwelchem Nutzen zu sein. Wenn, wie List
sehr richtig ausführt, die Praxis der Handelsnationen so lange gegen eine
Lehre verstoßen hat, die alle Volkswirtschaftler für bewunderungswürdig
erklärten, so muß hierfür irgendein Grund vorhanden sein. Wie soll denn
euch ein Staatsmann handeln, wenn er sich nicht auf den Standpunkt
der nationalen Interessen stellt, deren Leitung ihm anvertraut ist? Ihm
genügt es nicht zu wissen, daß die Verbindung der Märkte irgendwo ein
Anwachsen des Reichtums hervorruft 1 ); er muß sicher sein, daß sein
eigenes Volk von diesem Wachstum profitiert. Er muß gleichzeitig sicher
sein, daß die Freiheit des Tauschhandels nicht zu plötzliche Verschiebungen
in der Bevölkerung oder der Industrie hervorruft, deren soziale und
Politische Rückwirkungen verhängnisvoll sein können. Mit anderen
Worten, für den Staatsmann muß die Politik des Wirtschaftslebens der
a %emeinen Politik untergeordnet werden. Heute gibt es keinen Volkswirtschaftler,
der die Unmöglichkeit, die Wissenschaft von der Wirklichkeit
zu trennen, nicht einsähe 2 ), nnd keinen, der sich nicht des Einflusses
der politischen Macht auf den volkswirtschaftlichen Wohlstand bewußt
wäre; und weiter gibt es keinen, der nicht die Notwendigkeit zahlreicher
Einschränkungen der absoluten Handelsfreiheit anerkennte, wie sie die
besondere Lage eines jeden Landes in der Praxis erfordert.
Auch das ist aber noch nicht Alles. Indem List aufhörte, den Menschen
, /t? „„„mia Politica, Mailand 1906)
1 ) Siehe in dom letzten Werk V. Pabeto s ( ® notwendigerweise beiden Teilen
den Nachweis, daß der internationale Austausch nicht not wen g
günstig ist (Kap. IV, § 45). schwe r zu f m den. In den letzten
2 ) Doch ist die Richtschnur manchmal recni die über die Abwanderung
Jahren ist weniger die Frage über die Ausiu ir \ o Ministerium des Auswärtigen
von Kapitalien in den Vordergrund getreten. in n ere n Markt durch einen fremden
sein Veto gegen die Emission einer Anleihe au Innerhalb welcher Grenzen würden
Staat oder eine ausländische Gesellschaft ein eg m Ratsc hlag zu fügen? Beides
die Banken und Kapitalisten gehalten sein, Frankreich, in England und in
fragen, die seit einigen Jahren sich mehr un ^ ^ j n f as t a il e n Fällen die Volks-Deutschland
aufgedrängt haben. Ansche.nen \ gebeugt, als umgekehrt.
Wirtschaft häufiger den Notwendigkeiten der Politik gene g ,