Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

§  6.  Das  Bevölkerungsgesetz.
In  dieser  optimistischen  Widerlegung,  die  der  Verfasser  den  großen
Gesetzen  der  Klassik  zuteil  werden  läßt,  haben  wir  das  Malthos’scIic
Bevölkerungsgesetz  nicht  erscheinen  lassen.  Und  doch  scheint  es  den
schlimmsten  Mißton  in  dieser  Symphonie  darzustellen,  da  es  uns  den
mächtigsten  aller  natürlichen  Instinkte  als  die  dauernde  Ursache  von  Elend,
Laster  und  Tod  nachweist.  Aber  das  scheint  Bastiat  sonderbarerweise
nicht  bemerkt  zu  haben:  im  Gegenteil  wirft  er  sich  zu  Malthus’  Verteidiger ­
  auf 1 ),  und  zwar  ganz  einfach  dadurch,  daß  er  die  Lehre  des  Meisters
in  die  optimistische  Tonart  transponiert;  er  macht  sich  anheischig  darzutun, ­
  daß  das  Wachstum  der  Bevölkerung  nicht  eine  Gefahr,  sondern
im  Gegenteil  eine  Bedingung  des  wirtschaftlichen  Fortschritts  ist,  ein
Stachel  für  die  Voraussicht,  eine  Rechtfertigung  der  Strenge  der  für  die
Frauen  geltenden  Sitten 2 ).  Dennoch  gesteht  er  doch  schließlich  zu,  daß
das  Bevölkerungsproblem  „einer  der  übrigens  häufigen  Gegenstände  ist,
die  es  uns  ins  Gedächtnis  rufen,  daß  der  Mensch  kaum  eine  andere  Wahl
hat,  als  zwischen  Übeln“:  ein  Urteil,  das  wir  an  und  für  sich  als  durchaus
zutreffend  erachten,  das  aber  offenbar  in  einem,  die  „Harmonien“  überschriebenen
  Buch,  wie  eine  Bombe  wirkt.
Das  Argument,  daß  die  wachsende  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  auch
die  Vermehrung  der  Produktion  gestattet,  so  daß  die  Erzeugung  der
Unterhaltsmittel  mit  dem  Wachstum  der  Bevölkerung  gleichen  Schritt
halten,  ja  sogar  ihr  vorauseilen  kann,  war  immerhin  stark,  aber  Carey
hatte  es  bereits  viel  fester  begründet.  Wie  für  die  Rente  hat  Carey  auch
hier  zur  Begründung  seiner  Theorie  nur  um  sich  schauen  brauchen.  Er
sah  auf  dem  großen  amerikanischen  Kontinent  und  im  besonderen  in  den
ungeheueren  Prärien  des  Mississippi,  wo  früher  eine  dünn  gesäte  und  arme
Bevölkerung  herumirrte,  nach  und  nach  Industriezentren  entstehen,  und
aus  diesen  immer  zahlreicheren  und  engeren  wirtschaftlichen  Verbindungen
den  Reichtum  sich  entwickeln,  ähnlich  der  aufsteigenden  Flamme  brennender, ­
  immer  näher  zusammen  gelegter  Holzscheite 3 ).
dort  aber,  wo  kein  Unterschied  der  Gegenstände  besteht,  kann  kein  Austausch  stattfinden“ ­
  (ebenda,  Bd.  I,  S.  54,  55).
„Je  vollkommener  in  der  Natur  die  Koordination  des  Ganzen  ist,  um  so  besser
entwickelt  sich  ein  jeder  der  Teile“  (ebenda,  Bd.  III,  S.  462).
!)  „Diejenigen,  die  dieses  Gesetz  nicht  haben  zugeben  wollen,  haben  ihn  mit
gehässiger  Erbitterung  und  offenkundiger  Böswilligkeit  angegriffen“  (Harmonies,
Kap.  XVI).
2 )  Was  bedeutet  die  heilige  Unwissenheit  der  Kindheit?  .  .  .  Was  die  Scham,  die
ihr  folgt?  .  .  .  Was  die  Macht  der  öffentlichen  Meinung,  die  so  strenge  Gesetze  auierlegt
  und  deren  geringste  Überschreitung  mit  Schande  straft?  Nichts  Anderes  als
die  Wirkung  des  Gesetzes  der  Limitation  (Ibid.).
3 )  Andere  Soziologen  haben  später  ähnlich  finalistische  Lösungen  vorgeschlagen,
so  z.  B.  die  Unverträglichkeit  zwischen  der  Zeugungskraft  einerseits  und  die  Gehirn-
            
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