376
Drittes Buch. Der Liberalismus.
§ 6. Das Bevölkerungsgesetz.
In dieser optimistischen Widerlegung, die der Verfasser den großen
Gesetzen der Klassik zuteil werden läßt, haben wir das Malthos’scIic
Bevölkerungsgesetz nicht erscheinen lassen. Und doch scheint es den
schlimmsten Mißton in dieser Symphonie darzustellen, da es uns den
mächtigsten aller natürlichen Instinkte als die dauernde Ursache von Elend,
Laster und Tod nachweist. Aber das scheint Bastiat sonderbarerweise
nicht bemerkt zu haben: im Gegenteil wirft er sich zu Malthus’ Ver
teidiger auf 1 ), und zwar ganz einfach dadurch, daß er die Lehre des Meisters
in die optimistische Tonart transponiert; er macht sich anheischig dar
zutun, daß das Wachstum der Bevölkerung nicht eine Gefahr, sondern
im Gegenteil eine Bedingung des wirtschaftlichen Fortschritts ist, ein
Stachel für die Voraussicht, eine Rechtfertigung der Strenge der für die
Frauen geltenden Sitten 2 ). Dennoch gesteht er doch schließlich zu, daß
das Bevölkerungsproblem „einer der übrigens häufigen Gegenstände ist,
die es uns ins Gedächtnis rufen, daß der Mensch kaum eine andere Wahl
hat, als zwischen Übeln“: ein Urteil, das wir an und für sich als durchaus
zutreffend erachten, das aber offenbar in einem, die „Harmonien“ über-
schriebenen Buch, wie eine Bombe wirkt.
Das Argument, daß die wachsende Dichtigkeit der Bevölkerung auch
die Vermehrung der Produktion gestattet, so daß die Erzeugung der
Unterhaltsmittel mit dem Wachstum der Bevölkerung gleichen Schritt
halten, ja sogar ihr vorauseilen kann, war immerhin stark, aber Carey
hatte es bereits viel fester begründet. Wie für die Rente hat Carey auch
hier zur Begründung seiner Theorie nur um sich schauen brauchen. Er
sah auf dem großen amerikanischen Kontinent und im besonderen in den
ungeheueren Prärien des Mississippi, wo früher eine dünn gesäte und arme
Bevölkerung herumirrte, nach und nach Industriezentren entstehen, und
aus diesen immer zahlreicheren und engeren wirtschaftlichen Verbindungen
den Reichtum sich entwickeln, ähnlich der aufsteigenden Flamme brennen
der, immer näher zusammen gelegter Holzscheite 3 ).
dort aber, wo kein Unterschied der Gegenstände besteht, kann kein Austausch statt
finden“ (ebenda, Bd. I, S. 54, 55).
„Je vollkommener in der Natur die Koordination des Ganzen ist, um so besser
entwickelt sich ein jeder der Teile“ (ebenda, Bd. III, S. 462).
!) „Diejenigen, die dieses Gesetz nicht haben zugeben wollen, haben ihn mit
gehässiger Erbitterung und offenkundiger Böswilligkeit angegriffen“ (Harmonies,
Kap. XVI).
2 ) Was bedeutet die heilige Unwissenheit der Kindheit? . . . Was die Scham, die
ihr folgt? . . . Was die Macht der öffentlichen Meinung, die so strenge Gesetze aui-
erlegt und deren geringste Überschreitung mit Schande straft? Nichts Anderes als
die Wirkung des Gesetzes der Limitation (Ibid.).
3 ) Andere Soziologen haben später ähnlich finalistische Lösungen vorgeschlagen,
so z. B. die Unverträglichkeit zwischen der Zeugungskraft einerseits und die Gehirn-